Weltwirtschaftsforum in Davos: “Klimawandel stärker präsent als erwartet”

Interview

Stand: 20.01.2023 09:48 Uhr

Auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos drohte angesichts der vielfältigen globalen Krisen ein Thema in den Hintergrund zu rücken: der Klimawandel. Doch am Ende kam es anders, berichtet Wolfgang Blau im Interview mit tagesschau.de.

tagesschau.de: Herr Blau, Sie beraten für die Brunswick Group Unternehmen zum Thema Grüne Transformation, also in der Frage, wie sie sich gegen die Herausforderungen des Klimawandels wappnen können. Wie war Ihr Eindruck? Ist der Klimawandel tatsächlich angesichts der anderen Themen in den Hintergrund geraten?

Wolfgang Blau: Mein Eindruck war, dass der Klimawandel stärker präsent war, als ich es erwartet hätte, und auch stärker als bei bisherigen Weltwirtschaftsforen. Es gibt hier im offiziellen Programm des Weltwirtschaftsforums 235 Veranstaltungen, Podiumsdiskussionen, Vorträge, und davon waren 33 ausschließlich der Energiewende, also dem Umstieg zu erneuerbaren Energiequellen, der Klimakrise und dem Naturschutz gewidmet. Und es wurde auch von vielen Kolleginnen und Kollegen hier bemerkt, dass die Klimakrise mehr Platz im Programm hat als bisher.

Man kann natürlich die Frage stellen: War es ausreichend? Nein, natürlich nicht. Aber auch in den Diskussionen wurde klar: Die Kontroverse ist nicht mehr, ob eine Energiewende, ein Umstieg hin zu erneuerbaren Energien stattfinden muss. Die Kontroverse ist nur, wie schnell diese Umstieg stattfinden muss und wie schnell er stattfinden kann.

Schwelender Konflikt zwischen EU und USA

tagesschau.de: Welche Rolle hat dabei der Weltrisikobericht gespielt? Denn der hat ja gesagt: “Vergesst vor dem Hintergrund der anderen Krisen nicht die große vorherrschende Krise Klima.”

Blau: In den Langzeitrisiken für die nächsten zehn Jahre muss man schon sehr lange suchen, um die guten, alten makroökonomischen Risikofaktoren zu finden, wie etwa eine Schuldenkrise. Allein Rang eins, zwei und drei haben alle direkt mit der Klimakrise zu tun, und andere Risiken auf den Rängen sieben und acht haben mit Folgen der Klimakrise zu tun, etwa Migration in bisher noch ungekanntem Ausmaß.

Insgesamt wurde natürlich hier über die Klimakrise sehr stark im Zusammenhang mit dem Krieg in der Ukraine gesprochen und sehr stark im Zusammenhang mit der Energie- und Energieversorgungskrise. Die Klimakrise selbst hat noch viele andere Aspekte, etwa das Gebot der Fairness, wie Ländern wie Pakistan jetzt schneller geholfen werden kann. Diese Themen wurden längst nicht so prominent diskutiert, wie das der Fall sein sollte. Aber das war trotzdem ein ein neues Niveau der Diskussionen hier in Davos.

Es war auch auffällig, welche zentrale Rolle der schwelende Konflikt zwischen den Vereinigten Staaten und der Europäischen Union spielt. Dazu hat sich ja auch Ursula von der Leyen, die EU-Kommissionspräsidentin, hier in Davos geäußert. Man kann es so zusammenfassen, dass der Klimawandel nicht mehr nur eines von vielen Themen ist, sondern die Klimakrise ist das Terrain, auf dem nun der Wettbewerb zwischen verschiedenen Großmächten und Ländern stattfindet. Ein Wettbewerb um Start-ups, um Kapital, um Talente.

Wolfgang Blau | Bildrechte: Wolfgang Blau

Zur Person

Wolfgang Blau (*1967) ist Managing Partner für den Climate Hub der Brunswick Group. Er berät internationale Unternehmen in Fragen der klimafreundlichen Transformation. Im Jahr 2021 hat Blau mit der Unversität Oxford das internationale Oxford Climate Journalism Network gegründet. Von 2015 bis 2020 war er zunächst Chief Digital Officer und dann President International und Global Chief Operating Officer des amerikanischen Medienhauses Condé Nast mit Verantwortung für alle Condé-Nast-Verlage in Asien, Europa und Latein Amerika. Von 2013 bis 2015 war er für die Digitalstrategie des britischen “Guardian” verantwortlich und von 2008 bis 2013 Chefredakteur von “Zeit Online”. Blau ist Visiting Research Fellow der University of Pennsylvania.

Unverständnis auf beiden Seiten

tagesschau.de: Sie sprechen die Konkurrenzsituation zwischen den Staaten an. Da spielt der Inflation Reduction Act, den US-Präsident Biden aufgelegt hat, eine große Rolle. Einerseits ist es ein großes Klimapaket, andererseits wird aber auch davon gesprochen, dass es für viel Konkurrenzdruck sorgt zwischen den Staaten und auch protektionistisch ist.

Blau: Das war ein sehr wichtiges Thema. Es waren hier sehr viele amerikanische Senatoren anwesend, und EU-Kommissionspräsidentin von der Leyen hat sich dazu geäußert – und es herrscht allgemeines Erstaunen, dass sich die EU nun so dagegen wehrt. Denn noch vor nicht allzu langer Zeit hatten wir einen Präsidenten im Weißen Haus, der ein Leugner des Klimawandels war. Und seit vielen Jahren haben Klimawissenschaftlerinnen und -wissenschaftler rund um die Welt und auch viele aus der Politik gesagt, wir brauchen eine Art “Apollo Project”, einen “Moon Shot”, ein riesiges Investment, um unsere Wirtschaft umzubauen, um die Technologien zu fördern, die wir benötigen, um klimafreundlich wirtschaften zu können, Energie zu erzeugen. Und dann kam die amerikanische Regierung und tut genau das.

Und nun können viele amerikanische Politikerinnen und Politiker nicht verstehen, weshalb sich die Europäer beschweren, und es gibt auch viele europäische Expertinnen und Experten, die sagen, wir sollten uns nun wirklich nicht darüber beklagen, dass die Vereinigten Staaten diese gigantische Menge an Geld in die Hand nehmen, um damit die Energiewirtschaft und Technologien, die wir dafür benötigen, weltweit voranzubringen.

tagesschau.de: Welche Branchen beschweren sich darüber denn besonders?

Zum Beispiel die europäische Automobilindustrie: Weil ich unter dem Inflation Reduction Act, wenn ich mir ein Auto kaufe, in den USA bis zu 7500 Dollar an staatlichen Zuschüssen für diesen Kauf bekommen kann, wenn die Endfertigung dieses Autos in den Vereinigten Staaten stattfand. Da fühlten sich die deutschen und die französischen Automobilhersteller beispielsweise benachteiligt.

Was hier am kontroversesten diskutiert wird, ist die Frage, wie schnell der Umstieg stattfinden kann und welche Rolle auch Regierungen dabei spielen. Und die Rolle des Staates wird hier auch neu justiert. Davos war ja eigentlich immer das Symbol der Weltwirtschaft, die sich selbst organisiert und freiwillig reguliert und in den in den Boomjahren der Globalisierung viele staatliche Aufgaben anfing zu übernehmen.

Nun sieht man es an kleinen Nuancen: Früher war hier immer von “Private Public Partnerships” die Rede. Was man jetzt sehr oft hier hören konnte, war “Public Private Partnership”, also die Bitte an Regierungen, Unternehmen zu helfen: beim Risiko und den großen Investitionen, die nötig sind bei diesem Umstieg auf erneuerbare Energien.

Nachholbedarf in der Schifffahrt

tagesschau.de: Wenn wir auf die Rolle der Unternehmen gucken: In welchen Branchen besteht noch großer Nachholbedarf, was Klimaschutz und Grüne Transformation angeht?

Blau: Die Frage, welche Branchen hinterherhinken in der Emissionsreduktion, in der Entwicklung neuer Technologien, können Sie entweder durch die Frage betrachten: Wer verursacht die größten Emissionen? Und das ist natürlich mit Abstand die Energiewirtschaft. Ungefähr 70 bis 75 Prozent aller Treibhausgasemissionen werden durch die Energieerzeugung verursacht, also für Elektrizitätserzeugung, für Heizen und für Transport.

Sie können die Frage aber auch danach betrachten, in welchen Branchen es noch keine branchenspezifischen Emissionsreduktionsziele gibt: Eine Branche, die auch vom Pariser Klimaziel quasi ausgenommen war und sich bis heute noch auf kein Ziel einigen konnte, bis zum Jahr 2050 die Emissionen auf Null zu reduzieren, ist die Schifffahrt. Und es besteht große Hoffnung, dass sich die Schifffahrt über die International Maritime Organization nun in den nächsten Monaten dazu durchringt, sich ebenfalls dazu zu verpflichten, bis 2050 ihre Emissionen auf null herunterzufahren.

Die Schifffahrt ist natürlich ein hochkomplexes System und eignet sich auch gut, um zu beschreiben, was eigentlich ein systemischer Wandel bedeutet. Denn es reicht ja nicht, nur neue Motoren für Schiffe zu entwickeln, sondern es braucht eine Treibstoffinfrastruktur, es braucht Pipelines, es braucht die Speicherfähigkeit in Häfen. Zum Teil führt das zu ganz neuen Schifffahrtsrouten. Es braucht Training.

Dieses Zusammenspiel von Technologie, von Unterstützung durch Regierungen, von neuer Regulierung, von Nachwuchsförderung ist auch ein Grund im Zusammenhang mit der Tatsache, dass ungefähr 80 Prozent des Welthandels über die Seefahrt abgewickelt werden und wir eigentlich wieder mehr Luftfracht auf Schiffe verlagern möchten, weshalb diese Branche hinterherhinkt.

tagesschau.de: Da gibt es also den Bedarf an länderübergreifender Regulierung. Ist es denn dann nicht sinnvoller, wenn die Staaten sich auch wirklich darauf verständigen und zusammen Regelwerke erarbeiten, mit denen sie solche Branchen, die es naturgemäß einfach schwer haben, weil sie energieintensiv sind, regulieren und ihnen Leitplanken geben?

Blau: Damit berühren sie natürlich dasselbe Dilemma. Das erleben wir auch bei jedem COP-Klimagipfel, dass der Klimawandel natürlich ein Problem ist, das kein Land alleine angehen kann, sondern nur global. Er wird lokal erlebt, er wird lokal erlitten, aber er kann kann am Ende nur global koordiniert bekämpft werden. Aber es gibt keine Weltregierung. Es ist ein mehr oder minder freiwilliger Prozess, der konsensual nur entsprechend langsam vorangeht. Es gibt Branchenverbände, es gibt die International Maritime Organization, aber es gibt natürlich nicht diese eine Exekutive, die so etwas durchsetzen kann.

“Wir brauchen ein anderes Wachstum”

tagesschau.de: Wenn wir das große Ganze noch mal betrachten und auf Wirtschaftssysteme gucken, gibt es zunehmend die Forderung danach, dass es ein Ende des Wachstums geben muss, dass es mit endlosem Wachstum nicht getan ist und dass es zu viele Ressourcen der Erde kostet, wenn wir immer weiter auf Wachstum setzen. Das ist die eine Lesart. Die andere Lesart ist, dass sich Innovationen immer nur dann entwickeln, wenn die Marktwirtschaft als Treiberin dahinter steht. Würden Sie sich auf eine der beiden Seiten schlagen – oder haben Sie das Gefühl, dass die eine oder die andere Seite mehr Anhänger gewinnt?

Blau: Es gibt in diesem Argument natürlich mehr als nur zwei Seiten. Es gibt zunehmend das Verständnis, dass die Art, wie wir wirtschaften, natürlich nicht funktioniert. Auch Deutschland bräuchte mehr als zwei Planeten Erde, um weiter so wirtschaften zu können; in der Art, wie wir Rohstoffe verbrauchen, wie wir Luft und Wasser und Land verbrauchen. Das muss sich ändern.

Das bedeutet aber nicht, dass Wachstum sich ändern muss, sondern dass wir als Spezies Mensch lernen müssen, auf diesem Planeten zu leben und zu wachsen – so wie auch andere Ökosysteme. Natürliche Systeme – Pflanzen, Tiere – wachsen, ohne die Erde dabei zu zerstören. Und da wurde manchmal verkürzt gesagt, Wachstum ist unmöglich.

Nein, wir brauchen Wachstum, aber wir brauchen anderes Wachstum – wir brauchen Wachstum, das in den Grenzen dessen stattfindet, was unsere natürlichen Systeme erlauben. Und das bedeutet natürlich auch, Verhalten zu verändern, Konsumgewohnheiten zu verändern. Es bedeutet aber nicht das Ende des Konsums.

Es bedeutet, Produkte komplett neu zu denken oder beispielsweise auch Häuser neu zu bauen, um ein Beispiel zu nennen: Wo schon beim Bau eines Hauses überlegt wird, was passiert eigentlich mit den gesamten Rohmaterialien am Ende der Nutzung dieses Hauses und wie können die wieder getrennt werden ohne großen Energieaufwand, um ewig weiterverwendet zu werden? Also die sogenannte Kreislaufwirtschaft.

tagesschau.de: Herr Blau, vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Steffi Clodius, tagesschau.de

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