Raketenangriff auf Dnipro: Feuer, Tote und Verzweiflung

Stand: 15.01.2023 13:45 Uhr

Es war einer der schwersten Raketenangriffe der vergangenen Zeit: Mehr als 20 Menschen starben in den Trümmern eines Wohnhauses in Dnipro. Die Ukraine spricht von “russischem Terror” – und fordert erneut mehr Waffen.

Von Peter Sawicki, Deutschlandfunk, zzt. Kiew

Feuerwehrleute löschen inmitten dicker Rauchschwaden Brände, Rettungskräfte durchsuchen Schutt, der noch Stunden zuvor ein Wohnhaus gewesen ist. Die ganze Nacht hindurch dauerten in Dnipro in der Zentralukraine die Aufräumarbeiten an.

Am Samstag hatte eine russische Rakete ein neungeschossiges Wohnhaus getroffen, das teilweise einstürzte. Mindestens 21 Todesopfer forderte die Attacke – darunter ein Kind. Mehr als 70 Menschen wurden verletzt, das Schicksal mindestens 30 weiterer Personen bleibt ungewiss.

“Ich war schockiert”

Ivan Garnuk wohnt in direkter Nähe, sein Wohngebäude blieb aber unversehrt. Reines Glück, wie er sagt: “Ich wurde von der Explosion geweckt. Sofort rannte ich zum Fenster – Feuer, Rauch waren zu sehen. Ich bin dann nach draußen gegangen. Viele Menschen standen um das Gebäude herum, sie schrien, waren fassungslos. Ein Teil des Hauses war einfach weg. Auch ich war schockiert.”

Niemals habe er gedacht, dass hier eine Rakete einschlagen würde. “Das ist ein Wohngebiet, es gibt hier keine militärischen Objekte”, sagt er.

Dreitägige Trauer

Der Stadtrat von Dnipro hat eine dreitägige Trauer ausgerufen. Mehr als 400 Menschen haben zudem ihre Wohnung verloren und müssen umgesiedelt werden, wie es heißt. Wohl keine einfache Aufgabe, zumal in der 900.000-Einwohner-Stadt bereits viele Binnengeflüchtete leben.

Der Raketenangriff auf Dnipro war der verheerendste inmitten einer Reihe von Attacken quer übers Land – die bisher schwersten im neuen Jahr. In der Hauptstadt Kiew ertönte zweimal Luftalarm, Explosionen waren zu hören, offenbar infolge abgeschossener Raketen. Sie ließen in der Stadt Wände wackeln. Trümmerteile richteten einzelne Schäden an.

In einigen Landesteilen brach einmal mehr die Stromversorgung zusammen. Sonntagmorgen wurden zudem Angriffe auf Cherson im Süden des Landes gemeldet.

Selenskyj fordert Waffen

Die politischen Reaktionen in der Ukraine waren einhellig. Beispielhaft dafür sprach Andryj Jermak, Leiter des Präsidentenbüros in Kiew, von “russischem Terror” – wenngleich es aus Moskau selbst kein offizielles Statement gab.

Staatschef Wolodymyr Selenskyj äußerte sich in seiner abendlichen Videobotschaft ähnlich: “Russland hat ukrainische Städte erneut attackiert. Kiew, Charkiw, Odessa, Krywyj Rih, Dnipro, Lwiw und andere. Getroffen wurden ausschließlich zivile Objekte”, sagte er.

In Dnipro sei ein Wohngebäude zerstört worden, das es in dieser Form vielfach in Zentral- und Osteuropa gebe. Das jüngste Opfer in Dnipro sei drei Jahre alt. “Kann Russland gestoppt werden?”, fragte er. “Ja. Was braucht es dafür? Waffen aus den Beständen unserer Partner, auf die unsere Armee wartet.”

“Challenger 2” für die Ukraine

Die sollen nun zeitnah etwa aus Großbritannien geliefert werden. 14 Kampfpanzer des Typs “Challenger 2” hat London der Ukraine versprochen. Dass Kiew auf weitere militärische Unterstützung angewiesen ist, suggerierten auch Aussagen eines ranghohen ukrainischen Militärs.

Demnach sei die ukrainische Flugabwehr bisher nicht in der Lage, russische Marschflugkörper eines bestimmten Typs, die für die Attacke in Dnipro verantwortlich sein sollen, zu neutralisieren. Dafür brauche es westliche Systeme, etwa des Typs “Patriot”. Die USA haben der Ukraine dieses System bereits zugesagt.

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