Polizei rechnet nicht mit schneller Räumung in Lützerath

Stand: 12.01.2023 16:47 Uhr

Die Polizei kommt am zweiten Tag des Einsatzes im Braunkohleort Lützerath schneller voran als erwartet – trotz Regen und starkem Wind. Die Beamten gehen Hinweisen über einen Tunnel unter dem Ort nach. Ein schnelles Ende der Räumung ist nicht in Sicht.

Die Räumung des Braunkohleorts Lützerath geht schneller voran als gedacht. Trotzdem erwartet die Polizei kein kurzfristiges Ende – ursprünglich war sogar von einem bis zu vierwöchigem Einsatz im rheinischen Kohlerevier die Rede gewesen. “Wir wissen nicht, wann der Einsatz zu Ende ist”, sagte ein Polizeisprecher.

Eines der für die Klimaaktivisten wichtigsten Gebäude – der Hof des Bauern Heukamp – wurde am frühen Morgen des zweiten Einsatztages geräumt. Die Beamten hatten ein Loch in das Tor des besetzten Gehöfts gesägt und verschafften sich dadurch Zutritt zu dem jahrhundertealten Duissener Hof, an dem ein großes gelbes Banner mit der Aufschrift “1,5°C heißt: Lützerath bleibt!” hängt.

Am Nachmittag bereiteten sich die Einsatzkräfte darauf vor, einen weiteren Hof zu stürmen. Einige Aktivisten klebten sich an Fensterscheiben, betonierten Arme und Hände ein oder ketteten sich fest. Dort wo bereits geräumt wurde, reagiert der Energiekonzern RWE schnell: Hütten, Baumhäuser und eine Halle wurden abgerissen, Bäume wurden gefällt.

Möglicher Tunnel unter Lützerath

Nach Angaben der Polizei haben bereits mehr als 200 Aktivistinnen und Aktivisten Lützerath freiwillig verlassen. Wie viele noch vor Ort sind, ist unklar. Mit einem zwei Meter hohen Doppelzaun möchte der Energiekonzern RWE verhindern, dass weitere Demonstranten in die Siedlung kommen. Am Nachmittag berichtete die Polizei von einer möglichen Tunnelanlage unter Lützerath. “Die Richtigkeit dieser Informationen wird derzeit von uns geprüft”, sagte ein Polizeisprecher.

Vor Ort macht den Einsatzkräften und Aktivisten das schlechte Wetter zu schaffen. Bei Dauerregen und stürmischen Böen mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 63 Kilometern pro Stunde gerieten die provisorischen Baumhäuser ins Wanken.

Sitzblockade auf Zufahrtsweg zum Tagebau

Auch in der Nachbarschaft Lützeraths wird demonstriert. Mehrere Hundert Menschen zogen am frühen Nachmittag vom Erkelenzer Ortsteil Keyenberg in Richtung des etwa vier Kilometer entfernten Lützeraths. Die Polizei schätzt, dass sich 800 Menschen beteiligten. Zwischen den Einsatzkräften und den Demonstranten war vorab eine feste Strecke vereinbart worden – die wurde von einigen Protestierenden laut Informationen des WDR-Reporters Arndt Lorenz aber nicht eingehalten. Menschen rannten demnach in Richtung Tagebau.

Dutzende Demonstranten blockierten vor der Abbruchkante einen Zufahrtsweg mit einer Sitzblockade. Die Polizei kreiste die Menschen daraufin ein. Unter ihnen waren auch “Fridays for Future”-Aktivistin Lusia Neubauer und Greenpeace-Vorstand Martin Kaiser. “Wir wollen hier sitzenbleiben, bis wir weggetragen werden”, sagte die Klimaaktivistin. Nach Neubauers Angaben setzten die Einsatzkräfte auch vereinzelt Pfefferspray ein. Ein Polizeisprecher konnte das weder bestätigen noch ausschließen. Zuvor hatte Neubauer den nächtlichen Einsatz kritisiert, Räumungen in der Dunkelheit seien “gefährlich, provozierend und eskalierend”.

Wenn die Regierung das Pariser Abkommen verletzte, sei friedlicher Protest nötig, erklärte sie in einem Live-Video im sozialen Netzwerk Instagram. Bei den Protesten gehe es nicht um ein Symbol, sondern “um 280 Millionen Tonnen CO2 unter dem Dorf”, die nicht freigesetzt werden dürften, hatte Neubauer zuvor bei einer Pressekonferenz erklärt. Sie bestätigte zudem, dass bei der Demonstration am Samstag auch die schwedische Klimaaktivistin Greta Thunberg in Lützerath erwartet werde. Die Polizei geht von bis zu 6.000 Teilnehmenden aus.

Aktivisten besetzen Parteizentrale der NRW-Grünen

Viele der Demonstranten kritisieren den Wirtschaftsminister Robert Habeck und die Grünen in NRW für ihre Zustimmung zur Räumung der Siedlung. Die NRW-Zentrale der Partei in Düsseldorf wurde zur Zielscheibe von Klimaaktivisten. Etwa 30 Personen besetzten das Büro, wie ein Parteisprecher bestätigte.

“Wir fordern ein Moratorium, um die unsinnige und gefährliche Räumung im Rheinischen Braunkohlerevier zu stoppen”, erklärte das “Bündnis Lützerath Unräumbar” in einer Mitteilung. Die Besetzer forderten, mit NRW-Energieministerin Mona Neubaur persönlich zu verhandeln. Die Aktivisten kritisieren, dass Neubaur dem Kohleabbau unter Lützerath zustimmte, um im Gegenzug den Kohleausstieg in NRW um acht Jahre auf 2030 vorziehen zu können.

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