Pläne der Bundesregierung: Was gegen Fachkräftemangel helfen soll

FAQ

Stand: 20.01.2023 08:07 Uhr

In Deutschland fehlen massenhaft Fachkräfte – in fast allen Bereichen. Die Bundesregierung will gegensteuern. Nun berät der Bundestag über die Pläne. Wie groß ist das Problem – und was soll dagegen helfen?

Wie groß ist der Fachkräftemangel?

Bis 2026 erwartet die Bundesregierung eine Fachkräftelücke von rund 240.000 Menschen. Berechnungen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) zufolge stehen bis 2035 sogar mehr als sieben Millionen Arbeitskräfte weniger zur Verfügung.

Groß ist das Problem aber schon jetzt: Eine Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK) aus der vergangenen Woche zeigt: Mehr als jedes zweite der befragten Unternehmen kann Stellen zumindest teilweise nicht besetzen, weil Arbeitskräfte fehlen. Rund zwei Millionen Arbeitsplätze blieben derzeit unbesetzt. Dadurch gehe eine Wertschöpfung von fast 100 Milliarden Euro verloren.

Besonders groß ist die Lücke demnach bei Gesundheits- und Sozialdienstleistern und in der Logistikbranche. Im Gastgewerbe führten Personalengpässe zu einem eingeschränkten Angebot und reduzierten Öffnungszeiten. Groß ist der Mangel auch in den Bereichen der Elektromobilität oder erneuerbaren Energien – wichtige Transformationsaufgaben sowie die Wettbewerbsfähigkeit vieler Unternehmen seien gefährdet, so der DIHK.

Auch in der Verwaltung und bei kommunalen Unternehmen wächst die Personallücke. Einer Studie der Unternehmensberatung PwC zufolge fehlen dort bis zum Jahr 2030 mindestens eine Million Fachkräfte.

Warum gibt es zu wenig Fachkräfte?

Ein wichtiger Grund: Die besonders geburtenstarken Jahrgänge ab Mitte der 1950er-Jahre scheiden nach und nach aus dem Berufsleben aus – die Babyboomer gehen so langsam in Rente.

Das wirkt sich nach Einschätzung der Bundesregierung sogar doppelt auf die Fachkräftesituation aus: Frei werdende Arbeitsplätze können nicht mit ausreichend vielen Nachwuchskräften nachbesetzt werden. Und aufgrund einer älter und pflegebedürftiger werdenden Gesellschaft braucht es zudem weitere Fachkräfte, zum Beispiel in den Bereichen Gesundheit, Pflege und Soziales.

Neben der spürbaren Alterung der Gesellschaft spielen mit der Digitalisierung und der Energiewende zwei weitere gesellschaftliche Großtrends eine Rolle. Sie erfordern neue Kompetenzen und Personal. Die Bundesregierung spricht von den “drei großen D”: Demographie, Digitalisierung und Dekarbonisierung.

Kurzfristig hat auch die Corona-Krise den Mangel verschärft. Viele Fachkräfte in der Gastronomie und im Dienstleistungsbereich mussten entlassen werden und kommen nun nicht wieder.

Was hat die Bundesregierung vor?

Die Bundesregierung will mit ihrer Fachkräftestrategie die Rahmenbedingungen für Unternehmen, Betriebe und öffentlichen Verwaltungen verbessern. Das 39-Seiten-Papier wurde im September erarbeitet, Mitte Oktober wurde das Vorhaben im Kabinett verabschiedet.

Zentral sind in dem Maßnahmenpaket mehr Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten, bessere Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben, flexible Übergänge in die Rente und erleichterte Einwanderung.

Wie soll sich bei der Einwanderung ändern?

Die Pläne der Ampelkoalition sehen unter anderem vor, dass für Personen aus einem Nicht-EU-Staat mit einem ausländischen, mindestens zweijährigen Berufsabschluss zur Arbeitssuche eine Chancenkarte auf Basis eines Punktesystems eingeführt wird. Zu den Auswahlkriterien gehören Sprachkenntnisse, Berufserfahrung, Alter und Deutschlandbezug.

Berufserfahrung soll bei der Erteilung eines Arbeitsvisums stärker berücksichtigt werden. Die Anerkennung des im Herkunftsland erworbenen Abschlusses muss nicht zwingend vor der Einreise erfolgen. Das Kabinett hat Ende November eine Gesetzesvorlage dazu verabschiedet.

Was soll sich bei der Ausbildung ändern?

Beschäftigte in Deutschland sollen in bezahlte Bildungszeit gehen können. Außerdem soll das neue Weiterbildungsgesetz laut Arbeitsminister Hubertus Heil eine Ausbildungsgarantie für junge Menschen vor. Rund 45.000 Schülerinnen und Schüler verließen Jahr für Jahr die Schule ohne Abschluss. Künftig müssten alle Potenziale im Inland ausgeschöpft werden, so Heil. Der Gesetzentwurf solle in den kommenden Wochen im Bundeskabinett beraten und auf den Weg gebracht werden.

Welche Rolle spielt die Rente?

Eine Lösung des Fachkräftemangels könnte auch in der Frage des Renteneintritts liegen. Bundeskanzler Olaf Scholz hatte im Dezember eine Debatte darüber angestoßen. Er will erreichen, dass weniger Menschen vor Erreichen der Regelaltersgrenze in Rente gehen. Scholz sieht zudem “Steigerungspotenzial” beim Anteil von Frauen am Arbeitsmarkt.

Nach Berechnungen des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung gehen immer mehr Menschen in Deutschland früh in Rente. Viele scheiden demnach bereits mit 63 oder 64 Jahren aus dem Arbeitsmarkt aus – und damit deutlich vor der Regelaltersgrenze.

Wie sind die Reaktionen aus der Wirtschaft?

Vor allem die Pläne zur erleichterten Einwanderung werden begrüßt. “Wir brauchen Menschen, die uns helfen, unseren Wohlstand in diesem Land zu bewahren”, erklärte Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger.

Für den Zentralverband Deutsches Baugewerbe wären die Chancenkarte und ein erleichterter Zuzug für Berufserfahrene “wichtige Bausteine für die Fachkräftegewinnung am Bau”. Auch andere Verbände äußerten sich wohlwollend. Kritisch gesehen werden die Pläne zur Weiterbildung. Solange nicht die Finanzierung, der Ersatz für den ausfallenden Mitarbeiter und die Frage der Rückkehr an den Arbeitsplatz geklärt sind, ist ein solches Gesetz mit dem Mittelstand nicht zu machen, so der Geschäftsführer des Bundesverbands der mittelständischen Wirtschaft, Markus Jerger.

Der Deutsche Gewerkschaftsbund betonte in einer Stellungnahme, dass “durch erhöhte Arbeitszeiten, ein höheres Renteneintrittsalter und die pauschal intensivierte Anwerbung von Arbeitskräften aus dem Ausland” nicht der Druck von den Unternehmen genommen werden sollte. Stattdessen müssten diese für bessere Arbeits- und Ausbildungsbedingungen sorgen.

Was kritisiert die Opposition?

Der Wirtschaftsflügel der Union hat einen Gegenentwurf zur Fachkräftestrategie der Bundesregierung vorgelegt. Die Ampelpläne zur Anwerbung ausländischer Fachkräfte würden “Ressourcen verbrauchen und neue Bürokratie schaffen”, heißt es in einem der Nachrichtenagentur dpa vorliegenden Papier der Mittelstands- und Wirtschaftsunion. Es gebe bessere Möglichkeiten für eine zielgerichtete Steuerung der Arbeitskräftezuwanderung.

DIe Vorsitzende der AfD-Bundestagsfraktion, Alice Weidel, sprach von “laxen Regeln, fehlenden Kontrollen und den großzügigsten Sozialleistungen aller EU-Länder”, die vor allem “Armutsmigranten” anlocke.

Auch die Linke sieht in der Anwerbung von Arbeitskräften im Ausland nicht die Lösung des Problems. Die Bundestagsabgeordnete Susanne Ferschl erklärte: Ursächlich seien die Verbreitung von Niedriglöhnen und schlechte Arbeitsbedingungen. Es brauche vor allem “eine höhere Tarifbindung, eine Ausweitung der Kontrollen beim Mindestlohn oder ein Verbot von Leiharbeit und sachgrundloser Befristung”.

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