Nach dem Sturm aufs Kapitol: “Dünne Schicht Normalität”

Stand: 06.01.2023 07:51 Uhr

Heute vor zwei Jahren stürmten Trump-Anhänger das US-Kapitol – doch eine offizielle Gedenkveranstaltung gibt es nicht. Und auch an dem Gebäude deutet heute fast nichts auf die Ereignisse hin.

Von Arne Bartram, ARD-Studio Washington

Es gibt nur wenige Orte in den USA, die so sehr mit Geschichtspathos aufgeladen sind wie das Kapitol in Washington. Bei Ausstellungen, Filmen und Führungen wird hier immer wieder betont: Dieses Parlament ist das Herz der amerikanischen Demokratie. Dass heute vor zwei Jahren ein Mob das Kapitol gestürmt hat, wird dagegen mit keinem einzigen Wort erwähnt.

Den 22-jährigen Connor aus dem US-Bundesstaat Utah überrascht das nicht. “Ich finde, es war ein trauriger Tag für Amerika – dass unsere Landsleute in unserem Land so etwas gemacht haben”, sagt er. “Aber trotzdem finde ich nicht, dass wir diesen Tag als Teil der amerikanischen Geschichte sehen sollten.”

Ein anderes Bild transportieren?

US-Medien berichten, dass die Touristenführer im Kapitol sogar die explizite Anweisung haben, den Sturm aufs Parlament vor zwei Jahren nicht zu erwähnen. Auch viele Besucher wollen nicht über das Thema sprechen.

Eine der wenigen ist die 21-jährige Ruby aus Delaware. “Ich glaube, die Leute wollen sich einfach nicht an diesen Tag erinnern. Auch, wenn er sehr wichtig für unsere Geschichte war und wir daraus lernen müssen”, meint sie. “Aber das Kapitol will nun mal nicht das Bild transportieren, dass Amerikaner in ihr eigenes Parlamentsgebäude eindringen. Stattdessen soll ein positives Bild der Geschichte dieses Hauses gezeigt werden.”

Politische Aufarbeitung abgeschlossen

Ein großes offizielles Gedenken im Kapitol wird es heute wohl nicht geben. Allerdings hält US-Präsident Joe Biden eine Rede und verleiht Medaillen an Menschen, die sich besonders für die Demokratie eingesetzt haben.

Die politische Aufarbeitung des 6. Januar ist offiziell abgeschlossen. Kurz vor Weihnachten legte das zuständige Untersuchungskomitee seinen Abschlussbericht vor – und empfahl vorher, Ex-Präsident Donald Trump unter anderem wegen Anstiftung zum gewaltsamen Aufruhr anzuklagen. Ob das wirklich passiert, muss der Justizminister noch entscheiden.

Welche Rolle spielt dieser 6. Januar also noch im kollektiven Gedächtnis der Amerikaner? “Der Tag hat den Leuten noch mal deutlich gezeigt, wie sehr wir gespalten sind”, sagt Ruby aus Colorado. “Wir sind ein Land, die Vereinigten Staaten, mit zwei sehr polarisierten politischen Parteien. Und wie sehr wir jetzt zusammenarbeiten müssen, um diese Risse zu reparieren.”

Gedenken auf eigene Faust

Für Rentner Stephen aus Colorado war dieser 6. Januar vor zwei Jahren ein einschneidendes Erlebnis. Er hat sich deshalb extra zum Jahrestag drei Stunden ins Flugzeug gesetzt, um hier vor dem Kapitol einen stillen Protest zu veranstalten. Ganz allein steht er vor diesem riesigen Gebäude – dort, wo damals der Mob die Stufen hochgestürmt ist.

Stephen hat nur ein Schild in der Hand: Darauf ein Bild von Trump und die Worte: “Gefährlich, giftig”. Doch der Ex-Präsident ist für ihn nicht die alleinige Gefahr: “Das Gerede auf den Fernsehsendern der extremen Rechten macht mir große Sorgen. Da baut sich eine große Wut auf, hinter einer sehr dünnen Schicht Normalität an der Oberfläche.”

Auch parteiinterne Spaltung

Der Streit um das Amt des Sprechers im Repräsentantenhaus in den vergangenen Tagen zeigt Stephens Meinung nach, dass der Riss inzwischen nicht mehr nur zwischen liberalen und konservativen Amerikanern verläuft, sondern immer mehr auch innerhalb der Republikaner.

“Wenn man sich die Rhetorik von Teilen der Republikaner bei der Sprecherwahl im Repräsentantenhaus anhört – die sind genau so verrückt wie Trump. Sie sind Agenten des Chaos.”

Und so blicken die Amerikaner auch heute getrennt auf diesen Jahrestag. Oder ignorieren ihn, so wie bei den Führungen im Kapitol.

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