Nach Absatzplus 2022: Automarkt vor stürmischen Zeiten?

Stand: 04.01.2023 16:17 Uhr

Im vergangenen Jahr wurden in Deutschland wieder mehr Autos verkauft. Vor allem Elektroautos waren beliebt. Doch Experten prophezeien Deutschlands Schlüsselindustrie schwierigere Zeiten.

Der Autoabsatz in Deutschland ist nach zwei Rückgängen in Folge 2022 wieder gestiegen. Insgesamt kamen 2,65 Millionen Neuwagen auf die Straße, wie das Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) mitteilte. Das sind 1,1 Prozent mehr als vor Jahresfrist. Vor Ausbruch der Pandemie 2019 hatten die deutschen Hersteller und Importeure noch 3,6 Millionen Fahrzeuge abgesetzt. Allein im Dezember wurden 314.318 Autos neu zugelassen, 38,1 Prozent mehr als im Vorjahresmonat.

Nachfrage überstieg Angebot

Bei den Marken verteidigte VW seine Spitzenposition und kam auf einen Marktanteil von 18,1 Prozent, gefolgt von Mercedes mit 9,2 Prozent, Audi mit acht und BMW mit 7,9 Prozent. Der Elektroautobauer Tesla erreichte einen Marktanteil von 2,6 Prozent – allerdings mit steigender Tendenz: Die Tesla-Neuzulassungen schnellten um 76,2 Prozent nach oben.

Die Autobranche hatte 2022 immer noch mit dem Mangel an Speicherchips und anderen Teilen zu kämpfen. Das Angebot blieb aufgrund von Produktionsproblemen hinter der Nachfrage zurück. Die Autobauer können noch eine Weile von den aufgestauten Aufträgen zehren. Auf längere Sicht rechnen Branchenexperten aber mit einem Nachfragerückgang, weil die hohe Inflation die Kaufkraft der Konsumenten und die Bereitschaft von Unternehmen zur Anschaffung neuer Dienstwagen dämpfen könnte.

Bricht die Nachfrage nach E-Autos ein?

Elektroautos waren in Deutschland im vergangenen Jahr sehr beliebt. Gut für die Energiewende, gut für die deutschen Autobauer; doch deren Freude über die blitzsaubere Bilanz dürfte kurz sein, denn dieses Jahr werden Verbraucherinnen und Verbraucher Fahrzeuge mit alternativen Antrieben wohl mit sehr viel spitzeren Fingern anfassen, prognostiziert Ferdinand Dudenhöffer vom Center Automotive Research. “Wir fallen im Weltmaßstab deutlich zurück, denn es werden auch die Fördertöpfe deutlich reduziert.”

Ein Überblick: Für E-Autos mit Listenpreis bis 40.000 Euro gibts im aktuellen Jahr nicht mehr 6000, sondern nur noch 4500 Euro vom Staat dazu. E-Autos, die zwischen 40.000 und 65.000 Euro kosten, fördert die Bundesregierung jetzt nur noch mit 3000 statt zuvor mit 5000 Euro. Für Plug-In-Hybride gibt es dieses Jahr gar keine Förderung mehr. Der Verband der Automobilindustrie spricht von einem “widersinnigen Signal”, die Politik riskiere damit die Transformation hin zur E-Mobilität.

Nicht nur die Anschaffung wird teurer

Für Autoexperte Dudenhöffer nicht nur deshalb ein schwieriges Jahr für die E-Sparten der deutschen Autobauer: “Zusätzlich müssen wir erleben, dass E-Autos teurer werden auch in der Nutzung. Denn Strompreise sind deutlich gestiegen und bleiben auf hohem Niveau.” Zudem werde auch die Produktion von Elektroautos teurer, so Dudenhöfer, denn: “Batterien machen bis zu 40 Prozent eines Elektroautos aus. Die werden teurer, weil die Rohstoffe teurer werden.” Hinzu kommt die hohe Inflation. All das dürfte die Kauflust deutlich dämpfen. 

Aber nicht nur bei der Nachfrage, sondern auch beim Angebot sehen Experten ein Problem. Zwar rechnet der Verband der Automobilindustrie vor, dass die deutschen Hersteller schon jetzt weltweit rund 120 E-Modelle anbieten und es in drei Jahren 160 Modelle sein sollen. Aber viele Experten meinen, die deutschen Autobauer machten es sich zu gemütlich im angestammten Geschäft mit dem Verbrenner. “Die Marktposition, die die Deutschen bei klassischen Autos in den letzten Jahrzehnten hatten, haben sie bei E-Autos noch nicht”, mahnt daher Jürgen Pieper vom Bankhaus Metzler. “Ihnen fehlt das Besondere, die bahnbrechende Innovation, die man von den Chinesen oder von Tesla sieht.” Es sei immer noch ein Hinterherlaufen, so Pieper.

Harte Konkurrenz aus China und den USA

Die USA fördern zudem E-Autos, deren Batterien in den Vereinigten Staaten hergestellt werden. Und beide Länder, China und die USA, könnten billiger produzieren, sagt Dudenhöffer: “Weil Batterieproduktion sehr, sehr energieintensiv ist, und wir haben in Europa die höchsten Energiepreise der Welt, insbesondere in Deutschland. Wir sollten uns nicht vormachen, dass die in drei bis vier Jahren wieder auf Normalniveau sind, so wie in USA oder in China.”

China und USA gehören zu den wichtigsten Absatzmärkten der deutschen Autobauer. Auch dorthin haben sie in den vergangenen Jahren stetig mehr E-Autos verkauft. Ob das unter den schwierigen Bedingungen so bleiben wird, muss sich noch zeigen.

Mit Informationen von Heidi Radvilas, ARD-Börsenstudio

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