Ministerin Schulze in Odessa: Wiederaufbau mitten im Krieg

Stand: 20.01.2023 05:00 Uhr

Die Ukraine zwischen Zerstörung und dem Willen zum Wiederaufbau: Entwicklungsministerin Schulze hat am Donnerstag Odessa in der Ukraine besucht und 52 Millionen Euro Hilfe zugesagt.

Von Christian Feld, ARD-Hauptstadtstudio, zzt. Odessa, Ukraine

In wenigen Minuten soll das gepanzerte Fahrzeug mit dem Gast aus Deutschland vorfahren. Plötzlich heult die Sirene lang und durchgehend als Zeichen für Entwarnung. Der Luftalarm in der Ukraine ist wieder aufgehoben. Dann rollt die Kolonne der deutschen Entwicklungsministerin heran.

Christian Feld ARD-Hauptstadtstudio

Gut zehn Stunden ist Svenja Schulze am Donnerstag im Süden der Ukraine unterwegs. Berichtet werden darf darüber erst heute, am Tag danach. So haben es die ukrainischen Behörden aus Sicherheitsgründen festgelegt.

Orte der Zerstörung

Die deutsche Ministerin sagt zu ihrer Reise:

Wir sind mitten im Krieg dabei, die Ukraine wiederaufzubauen zu einer freien, zu einer unabhängigen Ukraine.

Schulze sieht Orte der Zerstörung, aber vor allem Orte, wo beherzt angepackt wird. So besucht sie ein Umspannwerk, das in den vergangenen Wochen bereits zwei Mal von Raketen getroffen wurde. Die Krater sind noch nicht zugeschüttet. Es ist eben dringlicher, dafür zu sorgen, dass die Anlage läuft.

Erste Station ist die kleine Gemeinde Starokozache – nicht weit der Grenze zur Republik Moldau. Auf gut 10.000 Einwohner kommen zurzeit 500 Binnenvertriebene. Insgesamt sind es in der Ukraine laut der Internationalen Organisation für Migration 5,9 Millionen Menschen, die im eigenen Land auf der Flucht sind.

Kindheit im Krieg

Eine Schule wurde zur Anlaufstelle gemacht. In der Aula, direkt unterhalb einer kleinen Bühne, stehen lange Reihen mit Feldbetten. Auf einem Tisch liegen bunte Tafeln, mit denen Kinder das Multiplizieren lernen können, auf einem anderen nebeneinander ein Malbuch mit englischem Titel und die ukrainische Kinderzeitschrift “Wunderwelt”. Die Ausgabe ist von August 2010 und hat den Titel “Märchen, Mythen, Legenden”. Es ist eine Lektüre, die vielleicht ein wenig ablenkt.

“100 Prozent der Kinder in der Ukraine sind von diesem Krieg betroffen”, berichtet Letizia Dell´Asin von UNICEF, als die Ministerin später ein Kinderprojekt in Odessa besucht. Die Probleme sind vielfältig: mentale Gesundheit oder fehlender Zugang zu Bildung. In der kleinen Gemeinde Starokozache fällt die Versorgung mit Strom und Wärme immer wieder aus. Und so ist die Schule auch, was man bei uns wohl Wärmestube nennen würde.

Schulze erfährt vom Bürgermeister, dass man hier von einem “Punkt der Unbeugsamkeit” spricht. Sie zeigt sich beeindruckt von der “Widerstandskraft” der Bevölkerung: “Hier Bombenangriffe zu haben, im Schutzkeller zu sein, rauszugehen und weiterzumachen, dafür braucht man unglaublich viel Willensstärke.” Und kurz danach sieht sie dann, wie die Kinder beim Luftalarm ruhig und diszipliniert in den Bunker unter der Aula gehen.

52 Millionen Euro zusätzliche Hilfe

Die Hilfe aus Deutschland komme an, so die Ministerin. Hier in der Schule ist das zu sehen: unter anderem ein Lichtmast, Wassertanks, Stromgeneratoren, Schlafsäcke und Decken. Bei ihrem Besuch sagte Schulze zusätzliche 52 Millionen Euro für die Ukraine an. Damit sollen Strom- sowie medizinische Versorgung unterstützt werden. Das Geld soll aber auch kommunalen Verwaltungen helfen.

Wiederaufbau und Krieg liegen dicht beieinander. Auf der Fahrt Richtung Odessa sind die Straßen gesäumt von Militär, Checkpoints und Panzersperren. Doch nicht weit davon wird auch gebaut: Hochhaussiedlungen, Windkraftanlagen. Die massiven Bauteile dafür liegen angeliefert im Hafen. Beim Besuchstermin achten die ukrainischen Sicherheitskräfte auch hier penibel darauf, dass keine Aufnahmen entstehen, die Russland Hinweise für Angriffe auf diese kritische Infrastruktur geben könnten.

Dass Getreide verschifft werden kann, ist gut für die Empfängerländer aber auch für die ukrainische Wirtschaft. Doch es könnte mehr sein, wie Vizepremier Oleksandr Kubrakov Schulze berichtet. 80 Schiffe lägen gerade am Bosporus im Stau. Kubrakov ist auch für den Wiederaufbau zuständig. Wielange das denn wohl dauern könne, wird er gefragt. Seine Antwort klingt zuversichtlich: mit Ausnahmen, also Unternehmen mit hochkomplizierter Technologie, könnten nach seiner Einschätzung die meisten der zerstörten Objekte “innerhalb von zwei Jahren” wiederaufgebaut sein.

Zehn Stunden hat die Reise von Schulze gedauert. Sie ist gekommen, um sich über den Wiederaufbau zu informieren. Doch auch sie kann dem Thema Waffenlieferungen und Kurs der Bundesregierung nicht entgehen. Die erste Frage eines ukrainischen Reporters in der Pressekonferenz am Hafen bekommt Schulze zu den Leopard-Kampfpanzern. Der Gast aus Deutschland beschreibt und begrüßt den Kurs des Bundeskanzlers. Vizepremier Kubrakov neben ihr dürfte das wenig überzeugt haben.

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