Lesbos: Sarah Mardini und andere Flüchtlingshelfer vor Gericht

Stand: 10.01.2023 10:26 Uhr

Von heute an wird auf Lesbos 24 Mitgliedern einer Seenotrettungsorganisation der Prozess gemach – unter ihnen die Syrerin Sarah Mardini, deren Fluchtgeschichte von Netflix verfilmt wurde. Allen Angeklagten drohen lange Haftstrafen.

Von Verena Schälter, ARD-Studio Athen, zurzeit Lesbos

Sean Binder sitzt an der Freiheitsstatue in der Nähe des Hafens von Mytilini, der Hauptstadt von Lesbos. Es ist ein schöner Tag, recht mild für Januar, die Sonne scheint und es geht ein leichter Wind. Das alles weckt Erinnerungen: 2017 hatte sich der mittlerweile 28-Jährige einer griechischen Nichtregierungsorganisation angeschlossen, um Flüchtlingen zu helfen und ist erstmals hierhergekommen. “Ich bin ausgebildeter Rettungsschwimmer – ich bin an der irischen Küste mit dem Wasser aufgewachsen – und dachte, da ich die entsprechenden praktischen Fähigkeiten habe, könnte ich für ein paar Monate als Freiwilliger auf der Insel Lesbos Menschen helfen, die vom Ertrinken bedroht sind. Und genau das habe ich getan.”

In der Praxis habe er meist am Strand gestanden und die Menschen dort in Empfang genommen, ihnen eine Flasche Wasser oder eine Decke gereicht. In dieser Zeit hatte er auch Sarah Mardini kennengelernt. Die Geschichte von Sarah und ihrer Schwester Yusra wurde in der Netflix-Produktion “Die Schwimmerinnen” verfilmt.

Motorausfall kurz vor der Küste

2015 flohen Sarah und ihre Schwester Yusra aus Damaskus. Über den Libanon gelangten sie in die Türkei, dort setzte sie ein Schleuser in ein überfülltes Schlauchboot. Bevor sie die rettende Küste von Lesbos erreichen konnten, fiel der Motor aus und das Boot drohte unterzugehen.

Sarah und Yusra, beide trainierte Wettkampfschwimmerinnen, sprangen über Bord und zogen schwimmend das Schlauchboot mit seinen 18 Insassen an Land. Von Griechenland gelangten die Schwestern über die Balkanroute nach Deutschland.

Sarah Mardini träumte einmal davon, als Schwimmerin bei Olympia zu starten. Ihr Flucht aus Syrien gelang ihr unter so dramatischen Umständen, dass die Geschichte verfilmt wurde. Bild: picture alliance / empics

Mehr als 100 Tage im Gefängnis

Im Film ist die Geschichte hier zu Ende, in Wahrheit geht das Drama zumindest für Sarah aber noch weiter. Denn Sarah kehrt nach Lesbos zurück, um ebenfalls als Freiwillige für dieselbe Hilfsorganisation zu arbeiten wie Sean Binder – bis beide noch in Griechenland festgenommen wurden.

“Sarah Mardini und ich wurden verhaftet, weil man uns unglaublich schwere Verbrechen vorwirft”, sagt Binder, “darunter Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung, Beihilfe zur illegalen Einreise, Geldwäsche, Urkundenfälschung, die illegale Nutzung von Funkfrequenzen und Spionage. Sollten wir schuldig gesprochen werden, müssen wir für 20 Jahre ins Gefängnis.”

Mehr als 100 Tage haben die beiden bereits direkt nach ihrer Festnahme in Griechenland im Gefängnis gegessen. Seit fast fünf Jahren warten sie und 22 weitere Angeklagte darauf, dass der Prozess beginnt.

Einreiseverbot gegen Sarah Mardini

Jetzt endlich ist es soweit – nur, dass Sarah Mardini selbst nicht daran teilnehmen kann. Denn die griechischen Behörden haben ein Einreiseverbot gegen die 27-Jährige verhängt, sie gilt offiziell als Bedrohung für die nationale Sicherheit. Somit ist es ihr nicht erlaubt, persönlich vor Gericht auszusagen, sondern lediglich über eine Anwältin.

Mardini, Binder und alle anderen Angeklagten bestreiten die Vorwürfe. Ein Untersuchungsbericht des Europaparlaments vom Juni 2021 bezeichnet den Prozess als “den größten Fall der Kriminalisierung von Flüchtlingssolidarität in Europa”.

Ähnlich schätzt auch Glykeria Arapi von Amnesty International die Situation ein: “Es ist ein Trend, den wir in Griechenland und anderen europäischen Ländern beobachten, dass solidarisches Handeln kriminalisiert wird. Die Botschaft lautet, dass es ein Verbrechen ist, Menschen in Not zu helfen, Flüchtlingen, Migranten, deren Leben auf See gefährdet ist.”

Von Seiten der griechischen Behörden und der Staatsanwaltschaft gibt es keine offizielle Stellungnahme zu dem Verfahren. Auch eine Anfrage der ARD blieb unbeantwortet.

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