Krieg in der Ukraine: “Ich habe mich ans Sterben gewöhnt”

Stand: 18.01.2023 08:40 Uhr

Der Schmerz gehört in der Ukraine zum neuen Alltag. Und jeden Tag könnte es weitere Angriffe geben – das ist zermürbend. Wie umgehen mit dem Tod und der Verzweiflung?

Von Peter Sawicki, Deutschlandfunk, zzt. Kiew

Es ist ein bedächtiger Moment, als der Priester in der mit ikonischen Gemälden geschmückten St. Michaels-Kathedrale in Kiew ein Gebet anstimmt. Ein Männerchor beginnt zu singen.

Der orthodoxe Geistliche im gold-schwarzen Gewand schreitet um einen Holzsarg herum und segnet ihn mit Weihrauch. In einem Halbkreis stehen Hunderte Menschen, die Schlange der Trauernden reicht bis nach draußen.

Sie nehmen Abschied von Oleksandr Hryanyk. Er war keine 30 Jahre alt, als er im Frühjahr die Stadt Mariupol gegen russische Truppen verteidigte – und dabei sein Leben ließ. Sein Leichnam wurde erst vor Kurzem nach Kiew gebracht.

“Stolz, dass es solche Menschen gibt”

Anya und Tetiana haben ihn und seine Familie nicht gekannt. Trotzdem sind sie zur Trauerfeier gekommen. Hryanyk sei ein großer Mensch gewesen, der sein Leben für die Ukraine gab. “Ich empfinde Schmerz”, sagt Anya. “Aber auch Stolz, darauf, dass es solche Menschen gibt, die sich opfern, damit die Ukraine fortbesteht.”

“Ich danke Oleksandrs Eltern dafür, dass sie so einen Sohn, einen Helden, großgezogen haben”, ergänzt Tetiana. “Er wird immer in unserem Herzen bleiben.”

Rund um die Kathedrale ist die Trauer greifbar. Viele weinen, manche haben einen apathischen, leeren Blick. Eine Person nach der anderen geht zum Sarg, kniet kurz nieder, und spendet danach der Familie des Gefallenen Trost. Darunter Ivan: “Ich kenne Oleksandrs Vater gut.” Er sei ein sehr anständiger Mensch, der aus Lugansk im Osten des Landes stamme.

Hryanyk habe seit 2016 in der Armee gedient. Nach der Invasion habe er als erstes seine Eltern in Sicherheit gebracht, nach Zypern. “Dann hat er zuerst Kiew mit verteidigt”, erzählt Ivan. “Und schließlich ging er nach Mariupol.”

“Ich habe mich ans Sterben gewöhnt”

Offiziell sind bisher gut 10.000 ukrainische Soldatinnen und Soldaten im russischen Angriffskrieg gefallen. Es könnten aber auch deutlich mehr sein. In gewisser Weise, so Trauergast Ivan, habe er sich im Laufe der Monate ans Sterben gewöhnt. Ljudmila, eine ältere Frau, ist hingegen untröstlich:

Angeblich heilt die Zeit alle Wunden. Aber ich denke, dass die Zeit nur den Schmerz betäubt. Meine Mutter sagte mir, Eltern sollten von ihren Kindern beerdigt werden, nicht umgekehrt. Es ist sehr schwer für mich zu sehen, dass so viele junge Menschen sterben. Es ist eine Tragödie.

Psychologische Hilfe als nationale Aufgabe

In einem Park im Kiewer Stadtteil Niwki erfreut sich Tetiana Lushchenko am Schnee und den Enten auf einem zugefrorenen See. Kleine Glücksmomente seien in Krisenzeiten hilfreich, so die Psychotherapeutin.

Die Frau Anfang 30 betreut Soldaten, die an der Front kämpfen, aber auch deren Freunde und Familien. Durch den Krieg sei psychologische Hilfe in der Ukraine eine nationale Aufgabe geworden. Niemand könne sich sicher fühlen, es könne jederzeit mindestens Luftangriffe geben.

“Alle müssen versuchen, damit klarzukommen”, sagt Lushchenko. “Kollegen aus Israel, die viel Krisenerfahrung haben, sagen mir oft, seit dem Zweiten Weltkrieg war kein Land in so einer Situation.”

Kleine Glücksmomente in Krisenzeiten helfen, sagt Psychotherapeutin Tetiana Lushchenko. Bild: Peter Sawicki/ Deutschlandfunk

Strukturen bieten Halt

Viele Menschen benötigen intensive psychologische Hilfe. Insbesondere diejenigen, die ihr zu Hause oder geliebte Menschen verloren haben. Lushchenko glaubt aber, dass die meisten Ukrainer noch genügend Energie haben, um emotional stabil zu bleiben.

Grundsätzlich sei es wichtig, kein Gefühl der Ohnmacht zu entwickeln. “Unsere Psyche ist darauf ausgerichtet, Strukturen zu haben. Sie bieten Orientierung”, erklärt die Psychotherapeutin. Manchen helfe es, für eine Weile den Wohnort zu wechseln, wo man seltener Luftalarm hört. Für andere sei es gut, an die Armee oder Ärzte zu spenden. “Wir können uns auch sehr wirksam gegenseitig Trost spenden”, so Lushchenko.

Trauerfeiern als emotionale Stütze

Das gelte beispielsweise für Trauerfeiern. Sie seien zwar ein bedrückendes Ereignis, könnten aber in mehrfacher Hinsicht eine emotionale Stütze bieten, betont die Therapeutin: “Viele können erst nicht realisieren, dass eine nahe Person gestorben ist.”

Eine Beerdigung könne dabei helfen, das zu akzeptieren. Auch für Soldaten sei es hilfreich, Begräbnisse von Kameraden zu erleben. Besonders, wenn viele Menschen kommen. “Sie sehen dann, dass sie für eine gute Sache kämpfen”, sagt Lushchenko. “Das kann ihnen weitere Kraft geben.”

“Wir alle müssen bereit sein, zu leiden – und zu kämpfen”

Im Zentrum Kiews tragen Soldaten den Sarg des gestorbenen Kameraden Hryanyk aus der Kathedrale. Trauergast Anya findet Trost darin, dabei zu sein: “Es ist ein sehr wichtiges Ritual, wenn unseren Gefallenen – unseren Helden – die letzte Ehre erwiesen wird. Besonders, wenn so viele Menschen kommen.”

Bei Ivan überwiegt an diesem Tag die Traurigkeit. Doch auch ihm scheint die Zeremonie Halt zu geben, und Entschlossenheit zu wecken. Dank Menschen wie Hryanyk lebten die Menschen in Kiew nach wie vor in einer freien Stadt. “Ich empfinde keine Panik”, sagt Ivan. “Mir ist klar, dass wir alle bereit sein müssen, zu leiden – und zu kämpfen.”

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