Hessen: Staatsanwaltschaft erhebt Anklage im Mordfall Ayleen

Vor einem halben Jahr finden Ermittler ein getötetes Mädchen in der Wetterau. Jetzt steht fest: Der mutmaßliche Mörder von Ayleen muss sich vor Gericht verantworten. Die Tat soll sexuell motiviert gewesen sein.

Die Staatsanwaltschaft Gießen hat am Donnerstag Anklage gegen den Tatverdächtigen im Mordfall Ayleen erhoben. Dem 30-Jährigen aus Waldsolms (Lahn-Dill) wird vorgeworfen, die 14 Jahre alte Schülerin im Juli mit seinem Pkw in Gottenheim (Baden-Württemberg) abgeholt und nach Hessen in einen Wald bei Langgöns-Cleeberg (Gießen) gebracht zu haben. Dort soll er das Mädchen getötet haben.

Im Nachhinein soll er den Leichnam in dem Versuch, seine Tat zu verdecken, zum Teufelsee bei Echzell (Wetterau) gebracht haben, sagte Oberstaatsanwalt Thomas Hauburger dem hr am Donnerstag. Die Strafverfolgungsbehörden gehen aufgrund der vorliegenden Ermittlungsergebnisse davon aus, dass die Tat sexuell motiviert war.

In der rund 70 Seiten umfassenden Anklageschrift wirft die Staatsanwaltschaft dem 30-Jährigen neben Mord unter anderem auch versuchte Vergewaltigung mit Todesfolge und Entziehung Minderjähriger vor.

Das Landgericht Gießen muss nun über die Zulassung der Anklage entscheiden, ein Termin für den Prozess steht noch nicht fest. Die Prüfung durch die zuständige Schwurgerichtskammer wird einem Gerichtssprecher zufolge voraussichtlich mehrere Monate dauern. Bei einer Verurteilung geht es nach Angaben der Staatsanwaltschaft auch um eine mögliche Sicherungsverwahrung für den 30-Jährigen im Anschluss an die Haftstrafe.

Die Anklage werde in einem sogenannten Zwischenverfahren geprüft, sagte ein Gerichtssprecher. Ob am Ende das Hauptverfahren – also ein Prozess – gegen den Angeklagten eröffnet wird, stehe noch nicht fest.

Soko wertete mehr als 30.000 Chats aus

Die 14 Jahre alte Ayleen war am 21. Juli 2022 in Baden-Württemberg verschwunden, acht Tage später wurde sie tot aus dem Teufelsee geborgen. Im September hatte der Tatverdächtige zugegeben, das Mädchen in der Nacht zum 22. Juli getötet zu haben. Er hatte die Ermittler auch zum Tatort bei einem Feldweg geführt und ihnen den Ablageort von Kleidungsstücken der Schülerin gezeigt.


Blick auf den Teufelsee.

Dem Geständnis des Mannes waren umfangreiche Ermittlungen der 30-köpfigen Soko “Lacus” und der Staatsanwaltschaft Gießen vorausgegangen. Insgesamt seien 122 Zeugen vernommen, mehr als 30.000 Chats ausgewertet und rechtsmedizinische und digitalforensische Untersuchungen durchgeführt worden. Dazu gehörten unter anderem Handy-, Funkzellen, GPS- sowie Geodatenanalysen.

So habe man feststellen können, dass sich Ayleen und der Angeschuldigte Ende April des vergangenen Jahres über den Messenger-Dienst Snapchat kennengelernt und eine Vielzahl von Nachrichten miteinander ausgetauscht hatten, teilte die Staatsanwaltschaft mit.

Tatverdächtiger war vorbestraft

Der 30 Jahre alte mutmaßliche Mörder von Ayleen war bereits früher als Sexualstraftäter aufgefallen: Als Jugendlicher war er für zehn Jahre wegen eines versuchten Sexualdelikts in ein psychiatrisches Krankenhaus gekommen. Bis Anfang 2022 war der Mann in einem Programm für rückfallgefährdete Sexualstraftäter. Im Frühjahr soll er erneut ein Mädchen belästigt haben.

Erst nach dem Tod von Ayleen wurde bekannt, dass drei Mädchen im ersten Halbjahr 2022 Anzeige gegen den Mann erstattet hatten. Zwei Mädchen im Alter von 14 Jahren warfen ihm Nötigung und sexuelle Belästigung vor. Ende April soll er versucht haben, ein 17 Jahre altes Mädchen unter anderem durch Textnachrichten zu einer Beziehung zu nötigen.

Auch Johanna-Prozess in Gießen verhandelt

Das Landgericht Gießen hatte in der Vergangenheit schon öfter große und von einer breiten Öffentlichkeit verfolgte Mordprozesse verhandelt. Im November 2018 etwa verurteilte es den Mörder der achtjährigen Johanna rechtskräftig zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe.

Aktuell hat es die Schwurgerichtskammer mit einem mutmaßlich 2016 in Mittelhessen begangenen Mord an einem Mann zu tun, dessen Leiche bis heute nicht gefunden wurde. Der Indizienprozess gegen zwei Angeklagte läuft bereits seit April 2021.

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