Gegen früheren Ausstieg: Warum die Ost-Länder an der Kohle hängen

Stand: 06.01.2023 06:35 Uhr

Bundeswirtschaftsminister Habeck will auch im Osten über einen früheren Kohleausstieg sprechen. Nach ersten Reaktionen aus Sachsen ist klar: Er wird zu den Gesprächen nicht mit offenen Armen empfangen werden.

Von Daniela Kahls, MDR

Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer reagierte prompt auf die energetische Neujahrsoffensive von Robert Habeck. Im Gespräch mit der “Bild” sagte der CDU-Politiker: “Ich verstehe nicht, warum der Bundeswirtschaftsminister am ersten Tag des Jahres diese Diskussion aufmacht. Deutschland hat ein Energieproblem.”

Daniela Kahls

Und Sachsen hat ein Problem mit dem Strukturwandel. Auch das ist ein Grund für den sächsischen Widerwillen, diesen noch zu beschleunigen.

“Strukturstolpern” statt -wandel?

17 Milliarden Euro nimmt der Bund allein für das Lausitzer Revier auf sächsischer und brandenburgischer Seite für den Strukturwandel in die Hand. Doch die Effekte sind bisher eher überschaubar. Die zwei Großforschungseinrichtungen, die nach Sachsen kommen sollen, existieren bisher nur auf dem Papier. Und so ist es auch mit vielen anderen Projekten.

Eine Kleine Anfrage der Landtagsabgeordneten Antonia Mertsching (Die Linke) an die sächsische Landesregierung hat ergeben, dass bis zum Herbst nur 14 Strukturwandelprojekte tatsächlich umgesetzt werden oder wurden, zusätzlich zu vier Landesprojekten.

Der Landrat des Landkreises Görlitz, Stephan Meyer (CDU), konkretisiert für die Lausitz: Rund 600 Millionen Euro an Fördermitteln seien bisher beantragt, rund 100 Millionen bereits bewilligt und nur 1,4 Millionen Euro bereits ausgezahlt. Linken-Politikerin Mertsching spricht angesichts dieser Zwischenbilanz von einem “Strukturstolpern”. Im Mitteldeutschen Revier, das im Südraum von Leipzig und in Teilen in Sachsen-Anhalt liegt, sieht es ähnlich aus.

Strukturwandel-Geld für die historische Dampflokomotive

Auch der stellvertretende Leiter des Instituts für Wirtschaftsforschung in Dresden, Joachim Ragnitz, äußert sich im rbb kritisch zum bisherigen Einsatz von Steuergeldern für den Strukturwandel: “Eigentlich lief schon schief, wie das Strukturstärkungsgesetz aufgebaut ist, dass nämlich Unternehmensinvestitionen nicht gefördert werden, dafür sehr viele weiche Standortfaktoren, die aber keine Arbeitsplätze bringen.”

So werden mit Geldern für den Strukturwandel die Touristinformation in Görlitz digitalisiert, die Talsperre in Quitzdorf saniert oder eine historische Dampflokomotive der Zittauer Schmalspurbahn für Leichtölfeuerung umgebaut. Ob so Tausende Arbeitsplätze kompensiert werden können, die durch den Kohleausstieg wegfallen werden?

Immer weniger Jobs im Bergbau

Dabei ist der Beschäftigungsfaktor Braunkohle längst nicht mehr so wichtig für die Lausitz, wie er es vor Jahren noch war. Laut aktuellen Zahlen der Bundesagentur für Arbeit sind rund 8000 Menschen im Bergbau im Lausitzer Revier beschäftigt, davon 3000 auf sächsischer Seite. Insgesamt sind nach diesen Zahlen also 1,5 Prozent der Beschäftigten in der sächsischen Lausitz im Bergbau tätig.

Vor 30 Jahren sah das noch ganz anders aus: Da waren im Lausitzer Braunkohlebergbau noch rund 65.000 Menschen in Lohn und Brot. Vielleicht hängt auch damit zusammen, dass die Arbeitslosigkeit im Osten von Sachsen nach wie vor am höchsten ist. Der Strukturwandel findet in der Lausitz also eigentlich schon seit Jahrzehnten statt – und das nicht im positiven Sinne.

Rund 8000 Menschen arbeiten im Lausitzer Braunkohlerevier, 3000 davon in Sachsen. Bild: dpa

Für Kretschmer geht es um Glaubwürdigkeit

Deshalb ist die Frage des Kohleausstiegs in Sachsen auch eine sehr emotionale Frage. Sachsens Ministerpräsident Kretschmer steht unter einem politischen und historischen Druck, den manche Politiker aus dem Westen wohl schwer nachvollziehen können. Für Kretschmer, der selbst aus der Lausitz stammt und der hier vor Jahren sein Bundestagsdirektmandat an die AfD verlor, steht auch seine Glaubwürdigkeit auf dem Spiel.

Schließlich hat er den sächsischen Wählern versprochen: Der vom Bund ausgehandelte Kohlekompromiss gilt. Wörtlich heißt es im Koalitionsvertrag, den CDU, Grüne und SPD in Sachsen geschlossen haben: “Wir wollen schrittweise bis 2038 aus der Kohle aussteigen. (…) Wir wollen dieses Ziel ohne soziale Brüche, aber mit vielen neuen zukunftssicheren Arbeitsplätzen erreichen. Die Menschen in der Lausitz und im mitteldeutschen Revier erwarten von uns, dass wir weiter an ihrer Seite stehen und die Kumpels nicht im Stich lassen.”

Ein Riss durch die Kenia-Koalition

Vor diesem Hintergrund ist es kaum vorstellbar, dass Kretschmer große Lust hat, mit Habeck über einen vorzeitigen Kohleausstieg 2030 auch in Sachsen zu verhandeln. Auch wenn der grüne Koalitionspartner in Sachsen gehörig Druck macht.

Der Landesvorstand schreibt beispielsweise in einer Stellungnahme: “Wir erwarten von Ministerpräsident Kretschmer und allen Ost-Ministerpräsidenten, dass sie die wirtschaftliche und klimawissenschaftliche Realität anerkennen: spätestens ab 2030 wird die Braunkohle nicht mehr wirtschaftlich sein und auch nicht mehr kompatibel mit den Klimazielen im Energiesektor. (…) Wir kritisieren die Verweigerungshaltung von Ministerpräsident Michael Kretschmer mit Blick auf das Gesprächsangebot von Wirtschaftsminister Robert Habeck.” Deutlicher kann man den Riss, der durch die sächsische Kenia-Koalition geht, wohl kaum ausdrücken.

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