Fehlendes Personal: Verkehrsbetriebe dünnen Fahrpläne aus

Stand: 20.01.2023 15:19 Uhr

ÖPNV-Nutzer bekommen den Fachkräftemangel immer stärker zu spüren. Einige Verkehrsbetriebe dünnen Fahrpläne aus, anderswo springen Verwaltungsmitarbeiter als Busfahrer ein.

Von David Zajonz, WDR

Bei den Niederrheinischen Verkehrsbetrieben NIAG muss im Grunde jeder ans Steuer, der einen Busführerschein hat. Sogar Betriebsleiter Tobias Jakubowski tauscht in Moers regelmäßig sein Büro gegen die Fahrerkabine, um einzelne Fahrten zu übernehmen: “Wir machen das neben unserer normalen Tätigkeit in der Verwaltung oder in der Werkstatt”, sagt Jakubowski. Trotz solcher Bemühungen fallen immer wieder kurzfristig Fahrten aus.

Busfahrer dringend gesucht

Dem Unternehmen fehlen Fahrerinnen und Fahrer. Zusätzlich zu seinen rund 400 Busfahrern würde Jakubowski gerne noch 30 weitere einstellen, er findet aber nicht genug. Er selbst ist gelernter Busfahrer, aus seiner Sicht ist der Beruf attraktiv: rund 3000 Euro brutto pro Monat plus Zulagen verdienten die Fahrer in seinem Unternehmen im Durchschnitt.

Für Jakubowski sind Menschen wie Siavash Khazaie ein Glücksfall. Der Iraner macht seit mehreren Monaten eine Weiterbildung zum Busfahrer, einige Dutzend Fahrstunden hat er bereits: “Draußen auf der Straße zu sein und verschiedene Strecken zu fahren, gefällt mir sehr”, sagt der 41-Jährige. In Teheran hatte Khazaie als Buchhalter gearbeitet, seine jetzige Arbeit findet er interessanter und abwechslungsreicher.

Weil ihm Personal fehlt, übernimmt Betriebsleiter Tobias Jakubowski immer öfter selber Fahrten. Bild: David Zajonz/WDR

Weiterbildung statt Abschiebung

Beinahe aber wäre die Weiterbildung überhaupt nicht zustande gekommen. Vor zwei Jahren, als sich Khazaie zum ersten Mal dafür beworben hatte, hatte er vom Ausländeramt keine Arbeitserlaubnis bekommen. Er sollte sogar in den Iran abgeschoben werden. Zusammen mit seinem Sohn war Khazaie bereits im Flugzeug, erzählt er. Dann aber schilderte er dem Piloten seine Situation, und dieser weigerte sich, den Abschiebeflug durchzuführen.

Ein Härtefallantrag, den der Iraner schließlich stellte, war erfolgreich. Khazaie darf in Deutschland bleiben und arbeiten. Seinem Arbeitgeber in Moers ist er für die Unterstützung während des Verfahrens dankbar. Und Betriebsleiter Jakubowski freut sich über den neuen Mitarbeiter.

Siavash Khazaie kommt aus dem Iran und ist eigentlich gelernter Buchhalter. In Moers bildet er sich zum Busfahrer weiter. Bild: David Zajonz/WDR

Demografische Entwicklung dürfte Knappheit verschärfen

Wegen des Personalmangels müssen einige Verkehrsbetriebe in Deutschland sogar ihre Fahrpläne anpassen. Bei der Kölner KVB beispielsweise soll ab März auf einigen Straßenbahnlinien jede zweite Fahrt entfallen. Der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) rechnet damit, dass in den kommenden Jahren Zehntausende Beschäftigte ersetzt werden müssen.

Die Krise im ÖPNV ist Ausdruck eines Fachkräftemangels, der viele Branchen erfasst. Viele ältere Beschäftigte gehen in Rente, wegen geburtenschwacher Jahrgänge kommen zu wenig junge nach. Arbeitsmarktforscher Enzo Weber vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg geht davon aus, dass bis 2035 aus demografischen Gründen sieben Millionen Arbeitskräfte weniger zur Verfügung stehen werden als heute – wenn es bis dahin keinen Ausgleich gibt.

Arbeitsmarktexperte für offene Zuwanderungspolitik

Gegen diese “demografische Schrumpfung” müsse man alle Hebel in Bewegung setzen, sagt Weber: “Das heißt, wir brauchen eine stärkere berufliche Entwicklung von Frauen. Wir müssen die Arbeitslosigkeit – gerade die Langzeitarbeitslosigkeit – noch weiter senken.”

Auch ältere Menschen müssten länger im Erwerbsleben gehalten werden, so der Arbeitsmarktexperte: “Und wir brauchen eine offene Zuwanderungspolitik, kombiniert mit einer guten Integration.”

Siavash Khazaie scheint bei seiner Integration auf dem besten Weg zu sein. Nach seiner Fahrprüfung soll er schon in einigen Monaten regelmäßig Fahrgäste durch Moers fahren. Eine Einstellungszusage seines Arbeitgebers hat er bereits.

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