Fachkräfteeinwanderung in der Praxis: Die große Lücke

Stand: 08.01.2023 08:08 Uhr

Hunderttausende Fachkräfte fehlen jährlich. Die Bundesregierung will das Anwerben aus dem Ausland vereinfachen. Und in der Praxis? Da sorgen Bürokratie und lange Wartezeiten für viel Frust.

Von Antonia Mannweiler, tagesschau.de

Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) gab Ende 2022 dramatische Zahlen für den deutschen Arbeitsmarkt aus: Bis 2035 könnte der Arbeitsmarkt um bis zu sieben Millionen Arbeitskräfte schrumpfen, wenn nicht gehandelt werde. In einzelnen Branchen ist die Lage jetzt schon akut. In der Gesundheitsversorgung gab es der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PwC zufolge im vergangenen Jahr knapp 290.000 offene Stellen, bei den Berufskraftfahrern fehlten Branchenverbänden zufolge bis zu 100.000 Fachkräfte. Und auch eine weitere Zahl wird in diesem Zusammenhang immer wieder genannt: 400.000 Zuwanderer sind im Saldo jedes Jahr nötig, um die Lücke am deutschen Arbeitsmarkt zu stopfen.

Viele Unternehmen suchen daher händeringend nach Mitarbeitern, ob im Handwerk, im Bau oder in der Pflege – und das auch verstärkt im Ausland. “Wir schreiben immer Stellen aus, als Fahrzeugbauer, Kfz-Mechatroniker oder Lackierer. Letztes Jahr haben sich das erste Mal mehr als 20 junge Männer aus Marokko beworben”, erzählt der mittelständische Familienunternehmer Marko Wehrle, der in Wirklichkeit anders heißt, tagesschau.de. Wehrle hatte im Betrieb in den vergangenen Jahren immer wieder Probleme mit Azubis, die ihre Ausbildung vorzeitig abbrachen. Die Arbeit in der Werkstatt sei eben nicht mehr so angesehen. Alle wollten heute studieren. “Da gebe ich lieber jemanden die Chance, der auch länger dableiben will.”

“Komm, den stell ich ein”

Einer der Bewerber habe ein Anschreiben ohne Fehler geschickt: strukturiert, alles beglaubigt, Lebenslauf und Zeugnisse übersetzt. Eine sehr hochwertige Bewerbung, so Wehrle. Auch habe der Bewerber im gleichen Beruf in Marokko bereits gearbeitet. “Da hab ich gesagt: Komm, den stell ich ein.” Der Prozess, den jungen Mann als Auszubildenden nach Deutschland zu holen, sollte sich jedoch als langwierig erweisen.

Die Bundesregierung hat es sich zur Aufgabe gesetzt, diese Verfahren zu beschleunigen. Ende November erst hat die Ampel-Regierung ein Eckpunktepapier veröffentlicht, dass das 2020 in Kraft getretene Fachkräfteeinwanderungsgesetz anpassen soll, um schneller und einfacher Fachkräfte aus Drittstaaten anwerben zu können – also aus Ländern außerhalb des Europäischen Wirtschaftsraums.

Ein Jahr auf Botschaftstermin warten

Die Reform des Fachkräfteeinwanderungsgesetzes sei auf jeden Fall richtig, sagt Sarah Pierenkemper, Referentin für Fachkräftesicherung vom Kompetenzzentrum Fachkräftesicherung am Institut der deutschen Wirtschaft (IW). Der Prozess sei jedoch nach wie vor ein großes Problem – was auch an den extrem langen Verfahren hängt.

Aus ihrer Sicht müssen die Behörden besser zusammenarbeiten; transparentere und schnellere Prozesse eingeführt werden. Nicht in allen Bundesländern gebe es etwa zentrale Ausländerbehörden, die für das beschleunigte Fachkräfteverfahren zuständig seien. “In den Bundesländern mit einer zentralen Stelle läuft es besser.” Eine weitere Baustelle sieht sie aber auch in der dünnen Personaldecke in den verantwortlichen Stellen. Wegen der Personalengpässe oder Krankheitswellen sei es schwer, jemanden zu erreichen.

Anerkennungsverfahren als Herausforderung

Eine erste Anlaufstelle für Unternehmen – oder auch für die ausländischen Fachkräfte selbst – sind die Industrie- und Handelskammern (IHK). Knapp 230 Beratungen im Jahr führt etwa die IHK in Frankfurt zu dem Thema durch, heißt es auf Anfrage von tagesschau.de. Die im Schnitt halbstündigen Beratungen zur Anerkennung würden zunächst dabei helfen festzustellen, ob der im Ausland erworbene Beruf überhaupt zu den Berufen, die in der IHK-FOSA als gleichwertig beschieden werden, passe, sagt Brigitte Scheuerle, Geschäftsführerin für Aus- und Weiterbildung der IHK in Frankfurt am Main. Die IHK-FOSA (Foreign Skills Approval) mit Sitz in Nürnberg prüft für viele Berufe die im Ausland erworbene Qualifikation und vergleicht sie mit den Standards, die hierzulande gelten.

Die Hürden für die ausländischen Fachkräfte, die bereits in Frankfurt oder Deutschland sind, seien nicht sehr hoch, so Scheuerle. In etlichen Fällen fehlten Nachweise über die im Ausland ausgeübte Tätigkeit, da Arbeitszeugnisse in vielen Ländern der Welt nicht üblich seien. Die Unterlagen zusammenzustellen, zöge die Anerkennungsverfahren oft in die Länge.

Die Hürden für Fachkräfte beträfen vor allem die Anerkennungsverfahren für Menschen, die sich noch im Ausland befinden. Von diesen landen Anfragen auch bei der IHK in Frankfurt, wie etwa: “Guten Tag, ich lebe in der Türkei und koche hier seit vielen Jahren in Hotels und Restaurants. Nun möchte ich meinen Beruf in Deutschland ausüben. Können Sie mir dabei helfen?”

Mitarbeiter müssen genug verdienen

Hürden für diese Menschen sind aus Sicht von Scheuerle vor allem die langwierigen Verfahren in den deutschen Botschaften und später bei den Ausländerbehörden. Der Unternehmer Wehrle kann diese Einschätzung teilen. In Bayern sitzt die zentrale Stelle für die Einwanderung von Fachkräften ebenfalls in Nürnberg. Dort habe Wehrle alle Dokumente eingereicht. “Man muss gewährleisten, dass die Mitarbeiter genug Geld verdienen und sie auch bei der Wohnungssuche unterstützen.”

Wochen später habe er aber immer noch keine Rückmeldung erhalten, trotz des Antrags auf ein beschleunigtes Verfahren. Nach vielen Versuchen, die Behörde telefonisch und per Mail zu erreichen, hatte er schließlich jemanden am Apparat. “Mir wurde gesagt, dass man dort das Telefon schon gar nicht mehr abhebe. Ich wurde schon pampig angegangen, als ich gesagt habe, dass wir planen müssen.” Er habe den Bewerber ja auch bei der Berufsschule anmelden und eine Wohnung finden müssen, was eine gewisse Planung voraussetze.

“Wir warten händeringend auf Mitarbeiter”

“Wir laufen immer gegen die Bürokratie”, sagt auch Stephan Schwank, Chef einer Spedition, tagesschau.de. Es dauere ewig, bis die Fachkräfte aus Drittstaaten ein Visum erhielten. Von 19 potenziellen Mitarbeitern aus Serbien, für die alle Dokumente eingereicht worden seien, würden nur fünf ein Visum erhalten. Für diejenigen, die ein Visum erhielten, dauere es dann oft ein halbes, dreiviertel oder ganzes Jahr. “Wir warten händeringend auf Mitarbeiter.” Und selbst dann hätte man nur die Fahrer mit Visum, so Schwank. Die Berufskraftfahrerqualifikation stünde dann auch noch an – 140 Stunden die Schulbank drücken und eine Fachprüfung in deutscher Sprache bei der IHK folgten dann.

Spezifisches Qualifikationssystem Hürde

Eine entscheidende Hürde für die Fachkräfteeinwanderung aus Drittstaaten sei das sehr spezifische deutsche Qualifikationssystem, sagt Enzo Weber, Forschungsbereichsleiter Prognosen und gesamtwirtschaftliche Analysen am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung. Die Berufsausbildung sei etwas weltweit Einzigartiges. Wer nach Deutschland kommen wolle, müsse solch einen Abschluss besitzen. Die Novellierung des Fachkräfteeinwanderungsgesetzes gehe da in die richtige Richtung. Es gehe dabei nicht darum, Standards über Bord zu werden, sondern es zu schaffen, sie zu erreichen. Das deutsche Zuwanderungsrecht sei lange eher ein “Zuwanderungsverhinderungsrecht” gewesen, sagt Weber. “Da wurden Schranken aufgebaut, nach dem Motto: Hier kann nicht jeder her.”

Bei den formalen Voraussetzungen bei den Botschaften sieht auch Weber Bedarf. “Unsere Botschaften sind historisch nicht darauf eingestellt, massenweise Zuwanderung zu brauchen.” Das sei das letzte Mal beim Wirtschaftswunder der Fall gewesen. Da brauche es die Überlegung, Dinge, die immer gleich ablaufen, digital, zentral und für alle Beteiligten transparent zu organisieren. Und die Problematik werde immer akuter: “Die üble Schrumpfung kommt erst jetzt, wenn die Baby-Boomer aus dem Job ausscheiden.”

Abwanderung ein Problem

Das Problem sieht Weber dabei nicht nur bei der Einwanderung. Denn gerade die Abwanderung sei in Deutschland erheblich. “Vor Corona hatten wir eine Abwanderungsquote der Menschen mit ausländischer Staatsbürgerschaft von fast zehn Prozent pro Jahr”, so Weber. Auch Andrea Nahles, Chefin der Bundesagentur für Arbeit, wies jüngst auf die hohe Zahl der Auswanderer hin. 2021 seien rund 1,1 Millionen Menschen nach Deutschland gekommen. “Eigentlich eine tolle Zahl. Da könnten wir richtig stolz drauf sein”, so Nahles. “Dummerweise sind gleichzeitig 750.000 Leute wieder ausgewandert.” Die Reduzierung dieser Zahl könne einen Teil des Fachkräfteproblems lösen.

Bei Wehrle hat es letztlich geklappt, er konnte den Azubi einstellen und auch weitere Mitarbeiter aus Marokko. “Die haben sich Deutsch selbst auf YouTube beigebracht, bevor sie nach Deutschland kamen.” Das spreche schon dafür, dass die Leute gewillt seien, etwas zu machen. “Das Ziel der Jungs ist es, einen Meister zu machen.”

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