Erderwärmung und Fortpflanzung: Natur verliert den Rhythmus

Stand: 13.01.2023 18:06 Uhr

Der Winter ist außergewöhnlich mild. Doch was für Menschen angenehm ist, bringt die Tierwelt durcheinander: Viele Arten laichen, brüten oder schlüpfen früher – und finden dann keine Nahrung.

Von Inga Wonnemann und Alexander Steininger, tagesschau.de

Zweistellige Temperaturen im Januar: Die meisten Menschen dürften solch milde Winter als angenehm empfinden. Doch die frühlingshaften Verhältnisse können die Tier- und Pflanzenwelt ganz schön durcheinanderwirbeln. Vor allem wenn es um die Fortpflanzung geht. Denn wegen der Erderwärmung brüten, schlüpfen oder laichen Tiere früher – und das kann zu großen Problem führen.

Heringsbestände schrumpfen

Ein Beispiel dafür ist der Hering vor der deutschen Ostseeküste. Der Greifswalder Bodden ist so etwas wie ihre Kinderstube: Dort laichen sie im Frühjahr und kleben ihre Eier an Wasserpflanzen – ein uralter biologischer Rhythmus.

Doch seit 15 Jahren geht die Anzahl der Jungheringe stark zurück. “Im Mittel ist die Zahl der Heringslarven um rund 90 Prozent zurückgegangen”, sagt Christopher Zimmermann vom Thünen-Institut. Der Hauptgrund dafür ist laut dem Meeresbiologen, dass die Larven wegen der Erwärmung des Meeres immer früher schlüpfen – laut Untersuchungen knapp drei Wochen eher als noch vor 30 Jahren.

Das Problem: Nach wenigen Tagen haben die Heringslarven ihren Dottersack aufgezehrt und brauchen dann den winzigen Nachwuchs von Zooplankton, also kleinen Krebstieren, als Futter. Der allerdings, so Zimmermann, scheint zu diesem frühen Zeitpunkt noch nicht in ausreichendem Maße vorhanden zu sein, weil er – anders als die Heringslarven – lichtgesteuert entsteht. Die Folge: Die Larven verhungern.

Und in der Folge geht die Zahl erwachsener und damit laichbereiter Heringe von Jahr zu Jahr zurück. Eine Abwärtsspirale.

“Mismatch” als Problem

Auch bei anderen Tieren geraten Prozesse, die sich im Laufe der Evolution ausgebildet haben, in wenigen Jahrzehnten in Schieflage. Etwa bei einigen Meeresschildkröten: Bei ihnen beeinflusst die Temperatur, welches Geschlecht der Nachwuchs hat. Bei unter 27,7 Grad Celsius schlüpfen Männchen, ab 31 Grad Weibchen, dazwischen sind beide Geschlechter möglich. In Florida und am Great Barrier Reef berichten Naturschützer, dass kaum noch männliche Tiere schlüpften.

“Mismatch” nennen Biologen das Phänomen. Übersetzt bedeutet das: Jäger verpassen ihre Beute. Blüten und ihre bestäubenden Insekten leben aneinander vorbei. Kurz: Die Natur verliert ihren komplexen und über lange Zeit aufeinander abgestimmten Rhythmus. Da Nahrungsnetze aufeinander aufbauen, kann ein Problem bei einer Art eine Reihe an Veränderungen nach sich ziehen.

“Vorzeitig aus dem Winterschlaf gerissen”

Das betrifft auch Tierarten direkt vor unserer Haustür. Vielerorts singen Amseln und Kohlmeisen bereits wie im Frühling: “Die steigenden Temperaturen seit den Weihnachtstagen mit einem Wärmerekord an Silvester haben die Natur vorzeitig aus dem Winterschlaf gerissen”, sagt NABU-Ornithologe Stefan Bosch.

Doch was Spaziergänger vielleicht erfreut, kann Tieren, die kältere Temperaturen bevorzugen, Probleme bereiten – etwa dem Alpenschneehuhn oder der Goldammer. Sie müssen sich in Höhenlagen und nördlichere Gebiete zurückziehen, wodurch sich ihr Lebensraum und auch ihre Brutgebiete verringern. Das könne sich negativ auf die Zahl der Nachkommen auswirken, sagt Bosch.

Zugvögel finden keine Nahrung mehr

Auch Zugvögel kann der milde Winter oder ein früher Frühlingsanbruch verwirren. Das gilt etwa für den Trauerschnäpper: “Wenn der Singvogel im April und Mai aus Afrika zurückkehrt, gibt es für ihn und seine Küken weniger Nahrung, da Insekten hierzulande früher als üblich schlüpfen. Und die Konkurrenz um Nistplätze ist größer, da lokale Arten früher mit dem Brutgeschäft beginnen können”, erklärt der NABU-Fachbeauftragte.

Außerdem seien auch Fressfeinde wie der Siebenschläfer früher unterwegs. Auf dessen Speiseplan stünden neben pflanzlicher Nahrung auch etwa Vogeleier und Küken. In manchen Regionen Europas sei der Bestand des Trauerschnäppers bereits um 90 Prozent zurückgegangen.

Schmetterlinge reagieren auf Temperaturen

Zweistellige Temperaturen mitten im Winter können auch bei Insekten eine Kettenreaktion auslösen. Das Tagpfauenauge etwa, eine Schmetterlingsart, fällt über die kalten Monate in eine Winterstarre. Wird er bereits im Januar aktiv, gibt es noch nicht ausreichend Nahrung für die Insekten, sagt NABU-Experte Bosch: “Sie verbrauchen dann bereits viel von ihren Energiereserven und haben somit schlechtere Chancen sich fortzupflanzen.”

Außerdem fehlen ihnen im Frühjahr passende Wirtspflanzen, um ihre Eier abzulegen, wie die Brennnessel. Andere Pflanzen kommen nicht in Frage, da sich die Raupen ausschließlich von Brennnesseln ernähren. 

Andere Arten profitieren von den wärmeren Temperaturen. So etwa das Taubenschwänzchen, ein Schmetterling, dessen Aussehen und Flugverhalten einem Kolibri ähnelt. Die Fortpflanzungsbedingungen des Insekts haben sich durch mildere Temperaturen verbessert. Statt nur im Mittelmeerraum und im Süden Deutschlands, vermehrt es sich inzwischen erfolgreich auch im Norden des Landes.

Fragile Ökosysteme

Welche langfristigen Folgen die Asynchronität der biologischen Abläufe hat, lässt sich noch nicht abschätzen. Denn Ökosysteme oder Nahrungsnetze sind komplexe und sehr fragile Gebilde. Wenn auf einer Ebene eine Veränderung stattfindet, kann das Auswirkungen auf zahlreiche weitere Arten haben.

Zwar können sich einige Arten in gewissen Grenzen an die sich verändernden Temperaturen anpassen. Doch das kann dauern – bei den Heringen in der deutschen Ostsee rechnet Meeresbiologe Zimmermann mit mindestens 25 Jahren. Das bedeutet, das bis dahin weiter sehr wenig Nachwuchs entsteht – für den Artenschutz und auch für Fischer an der deutschen Ostsee keine gute Perspektive. Oder wie Zimmermann es formuliert: “Bis dahin können wir uns nur an den Strand stellen und laut ‘Mist!’ rufen.”

“Klimawandel bekämpfen”

Deshalb sei jetzt ein rasches Gegensteuern gefragt, sagt Zimmermann, um das Fortpflanzungsverhalten von Tieren und Pflanzen nicht noch weiter durcheinanderzuwirbeln: “Für die Heringe bedeutet das konkret, dass wir andere Stressoren reduzieren müssen, also etwa die Überdüngung des Meeres.” Dann könnten sich die Bestände trotz des wenigen Nachwuchses innerhalb weniger Jahre erholen.

Es gelte aber auch, das grundlegende Problem anzugehen. “Wir müssen natürlich die Erderwärmung und den Klimawandel abbremsen.” Denn mit jedem Zehntelgrad mehr drohten neue Verwerfungen, die seit Hunderttausenden von Jahren eingespielte Abläufe aus dem Rhythmus bringen können.

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