Deutschland ist ein schwieriger Standort für Start-ups

Stand: 18.01.2023 12:14 Uhr

Der Bundestag debattiert heute über die Start-up-Strategie der Ampel-Koalition. Das Bundeswirtschaftsministerium hat einen Zehn-Punkte-Plan vorgelegt. Wird der den jungen Firmengründern helfen?

Von Axel John, SWR

In einer Halle im rheinland-pfälzischen Nieder-Olm setzen mehrere Mitarbeiter Holzplatten zusammen. Schnell ist zu erkennen, dass das mal ein Wohnwagen wird – in Kleinformat. “Campingbusse sind erst ab 50.000 Euro aufwärts zu bekommen. Wir wollen eine preisgünstige und nachhaltige Alternative für Outdoorfans anbieten”, erzählt Hannes Trautmann. Die Basisvariante bei seiner Firma “Miniatouring” kostet knapp 14.000 Euro: Darin enthalten ist eine Küche mit Kühlbox, Stauraum und ein Schlafzimmer mit gut zwei Metern Länge. Der minimalistische Camper ist mit rund 500 Kilogramm relativ leicht und kann von einem normalen PKW gezogen werden. Trautmann hat sein Unternehmen vor fünf Jahren gegründet. Der Weg dorthin war aber steinig.  

Axel John

Firmenidee am Strand  

“Meine Schulzeit war keine Erfolgsgeschichte”, erzählt der 26-Jährige. “Vom Gymnasium bin ich auf die Realschule und habe dort den Abschluss knapp geschafft. Auch auf der Berufsschule kam ich nur schwer zurecht. Der Lehrer beschreibt ein Problem und bietet einen Lösungsweg an. Das war überhaupt nicht meine Sache”, erinnert sich Trautmann. Für ihn war alles zu theoretisch. Er wollte praktisch lernen und arbeiten – so wie jetzt als Unternehmer. 

Nach seinem Schulabschluss ging Trautmann als Surflehrer nach Frankreich und Slowenien – und hatte dort die entscheidende Idee: “Gerade junge Outdoorfans können sich keinen Campingwagen leisten. Surfer und Kajakfahrer wollen aber gerne draußen schlafen – direkt am Strand. Das war meine Nische.”

Zurück in Deutschland zimmerte Trautmann einen ersten Prototyp des heutigen Mini-Wohnwagens in der Garage seiner Eltern. “Beide haben damals ziemlich schräg geguckt. Sie hatten sich eher den klassischen Bildungsweg für mich gewünscht.” Trautmann aber blieb dabei und verfeinerte das Modell immer weiter. 

Kein Unternehmergeist an Schulen   

Vom Arbeitsamt erhielt der junge Firmengründer einen Zuschuss von 5000 Euro. Erste Mitarbeiter kamen dazu. “Der Durchbruch kam aber mit einem Auftritt in der TV-Sendung ‘Die Höhle der Löwen’. Es gab zwar dort keinen Abschluss, aber danach standen die Investoren Schlange, und wir konnten richtig investieren”, erzählt Trautmann. Ansonsten hätte es die Geschäftsidee wohl kaum auf den Markt geschafft.  

Inzwischen arbeiten 13 Beschäftigte bei Trautmann. Sie stellen bis zu 140 Minicamper pro Jahr her. “Ich schaue nicht auf Lebensläufe und Zeugnisse, dafür auf das persönliche Engagement. Neben einem Schreiner und einem Architekten haben wir auch einen Ethnologen, der für den Materialeinkauf zuständig ist. Es gibt echt wilde Kombinationen bei uns. Unser bester Monteur ist gelernter Friseur.” 

Aus der Not seiner Schulzeit hat Trautmann die Tugend seines Unternehmertums gemacht. “Gründertum ist in unserem Bildungssystem nicht vorgesehen. Selbstständigkeit wird nicht ausreichend gefördert. Als Unternehmer muss man aber ständig nach eigenen, neuen Lösungen suchen. Hier werden in Deutschland sehr viele Potenziale verschenkt.” 

“Unser bester Monteur ist gelernter Friseur”: Hannes Trautmann, hier vor einem seiner Minicamper, schaut nicht auf Lebensläufe und Zeugnisse. Bild: Hannes Trautmann

Plastikmüll wird zu Filament

Von Nieder-Olm sind es rund zwanzig Kilometer bis nach Oppenheim. Auch hier beginnt die Firmengeschichte eines Start-ups in einer Garage. “Mit meinen Freunden dachte ich darüber nach, alte Handyhüllen wieder zu verwerten und so Plastikmüll zu vermeiden. Das war dann plötzlich unsere Geschäftsidee. Ich war 15 Jahre alt”, erzählt Milan von dem Bussche. 

Heute verkauft seine Firma “QiTech” sogenanntes Filament, das aus Plastikabfällen hergestellt wird. Filament ist eine Art Tinte, die 3D-Drucker brauchen. Außerdem produziert “QiTech” Maschinen, in denen das Plastik eingeschmolzen und dann das Filament hergestellt wird. “Unser Ziel ist, dass überall in der Welt unsere Produkte stehen, die dann neues Filament herstellen, so Plastikmüll vermeiden und daraus wieder neue hochqualitative Waren hergestellt werden”, erzählt der 19-Jährige. 

Start mit Küchenmixer  

Auch hier war der Anfang eher unkonventionell. “Für die ersten Testreihen haben wir den Küchenmixer meiner Mutter verwendet, um das Plastik kleinzuhäckseln. Aus einem höhenverstellbaren Bett habe ich den Motor für unsere erste Filament-Maschine ausgebaut. Als meine Mutter danach von ihrer Dienstreise zurückkam, hat das echt Ärger gegeben”, erzählt von dem Bussche lachend.

Für dieses Jahr hat “QiTech” bereits Aufträge im Wert von rund 200.000 Euro. Kunden sind unter anderem Automobilkonzerne und Universitäten, die mit den Maschinen Forschungsprojekte vorantreiben. Inzwischen arbeitet von dem Bussche mit seinem Team in einer Halle in der Nähe der Technischen Universität Darmstadt. “Unser Team studiert hier Maschinenbau oder Informatik. So können wir auch neue Mitarbeiter ziehen. In dieser Hinsicht ist Deutschland ein sehr guter Standort”, so der Jungunternehmer.  

Bürokratie bremst Firmengründer aus     

Ganz anders sei das jedoch bei der Firmengründung von “QiTech” gewesen, berichtet von dem Bussche. Zunächst habe er kein Bankkonto eröffnen dürfen, da er damals mit 15 Jahren noch nicht volljährig und damit nicht geschäftsfähig war. Das Familiengericht in Mainz habe die entsprechende Genehmigung mehrfach verweigert – wegen Formfehlern und abschließend mit der Begründung, “dass man so etwas in Mainz noch nie gemacht habe”, erzählt von dem Bussche kopfschüttelnd.

Anrufe seien dort auch nur bis zwölf Uhr möglich gewesen. “Wir standen in den großen Pausen auf dem Schulhof und versuchten, unser Anliegen telefonisch nach vorne zu bringen – leider erfolglos”, erinnert er sich. “In England etwa kann man eine Firma in drei Tagen gründen. Alles geht online. In Deutschland dagegen muss man nochmal wochenlang auf einen Notartermin warten. Dann dauert es wieder endlos, bis man im Handelsregister steht.” 

Und wie hat es dann am Ende geklappt? “Wir haben dann formal meine ältere Schwester als Geschäftsführerin eingesetzt, bis ich 18 Jahre alt war. Sie hat in diesem Zeitraum aber in den Niederlanden studiert und war gar nicht hier. Wer weiß schon, was mit unserer Idee passiert wäre, wenn wir drei lange Jahre hätten warten müssen?” 

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