Corona: Was über das Post-Vac-Syndrom bisher bekannt ist

Stand: 11.01.2023 17:08 Uhr

Herzrasen, Kopfschmerzen, chronische Müdigkeit – in seltenen Fällen kann eine Corona-Impfung lang anhaltende Symptome verursachen. Fachleute sprechen vom Post-Vac-Syndrom. Wie viele sind betroffen und was hilft dagegen?

Von Pascal Kiss, SWR

Bis zu neun Monate müssen Patienten schon in der Spezialambulanz der Universitätsklinik Marburg auf einen Termin warten. Sie berichten häufig über ständige Kopfschmerzen und fühlen sich erschöpft. Das sind ganz ähnliche Symptome wie bei Long- oder Post-Covid nach einer Infektion.

Aber ihre Symptome sind nach einer Corona-Impfung aufgetreten. Fachleute sprechen vom Post-Vac-Syndrom (engl. vaccination = Impfung). Die Universitätsklinik Marburg ist neben der Charité Berlin eine der zentralen Anlaufstellen für Patienten mit dem Post-Vac-Syndrom.

Symptome wie bei Long Covid

“Es sind eigentlich identische Symptome, wie wir sie auch von Post-Covid-Patienten nach einer Infektion kennen”, sagt Professor Bernhard Schieffer, der die Spezialambulanz in Marburg leitet. Konzentrationsschwierigkeiten, Blutdruckschwankungen, plötzliches Herzrasen, Sehstörungen, lang anhaltende Kopfschmerzen und chronische Müdigkeit sind die häufigsten Symptome, wie auch bei Post-Covid-Patienten nach einer Infektion.

Das Phänomen ist aber nicht neu. Auch bei anderen Impfungen treten in seltenen Fällen die gleichen Symptome auf. Weil jetzt in der Corona-Pandemie viele Menschen gleichzeitig geimpft wurden, werden die einzelnen Fälle sichtbarer.

Bisher gibt es keine Hinweise, dass nach den Corona-Impfungen der Anteil von lang anhaltenden Symptomen ungewöhnlich hoch wäre. Das erklärt das Paul-Ehrlich-Institut gegenüber tagesschau.de und beruft sich dabei auf eine Untersuchung von internationalen Verdachtsfällen aus 36 Staaten.

Ursache noch unbekannt

Die genauen Ursachen für das Post-Vac-Syndrom sind noch nicht gefunden. Möglicherweise wird eine frühere Infektion mit dem Epstein-Barr-Virus reaktiviert. Schieffer beobachtet bei den meisten Patienten ein sich hochschaukelndes Immunsystem. “Das verselbstständigt sich dann im Sinne einer Autoimmunerkrankung”, sagt der Leiter der Spezialambulanz. Der Körper schaffe es nicht, eine selbst verursachte Entzündungsreaktion aufzulösen. “Dann läuft immer eine Spirale los, die am Ende zu einer Erschöpfung des Immunsystems führt.”

Vor allem Frauen mit leichter Immunschwäche seien betroffen. In Zukunft könnten Risikogruppen definiert werden, hofft Schieffer.

Keine einheitliche Definition

Nach einer Anfrage der Union im Bundestag weist die Bundesregierung darauf hin, dass das Post-Vac-Syndrom nach einer Corona-Impfung noch nicht wissenschaftlich definiert sei. Der Begriff wird teilweise sehr unterschiedlich verwendet. Professor Schieffer erlebt, wie sehr Patienten bis zu einer eindeutigen Diagnose leiden: “Da fällt oft eine Last ab”, sagt der Kardiologe. Oft werden Patienten lange nicht ernst genommen.

Zahl der Betroffenen bisher unbekannt

Im Vergleich zu Post Covid nach einer Infektion trifft es Geimpfte deutlich seltener. Nach einer Infektion mit dem Virus sind laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) zehn bis 20 Prozent der Infizierten betroffen. Bei Geimpften liegt die Zahl der Fälle dagegen im Promille-Bereich, kann aber nur geschätzt werden: “0,02 Prozent oder ein bisschen höher”, vermutet Schieffer. Es sei aber nur eine grobe Schätzung, die unter anderem auf einem Bericht von BioNTech und Pfizer basiert.

Das Paul-Ehrlich-Institut spricht aktuell von 0,029 Prozent der Geimpften, bei denen schwerwiegende Nebenwirkungen auftreten. Aber nur ein Teil der dokumentierten Fälle könnte tatsächlich mit dem Post-Vac-Syndrom in Verbindung stehen. Auf eine Anfrage der Unionsfraktion hin spricht die Bundesregierung von 943 Verdachtsfällen zum Post-Vac-Syndrom, die bis zum 31. Oktober 2022 registriert wurden. Das wäre gemessen an der Anzahl der Geimpften nur eine Quote von 0,001 Prozent. Viel hängt davon ab, welche Symptome nach einer Impfung dem Post-Vac-Syndrom zugeordnet werden.

Behandlungen sehr unterschiedlich

Die Betreuung der Patienten sei sehr aufwändig. “Es braucht ein richtiges Screening”, sagt Schieffer von der Uniklinik Marburg. Sein Team versuche, die Entzündungsreaktion im Körper zu stoppen. Allergietests, Darmsanierungen und beispielsweise Histamin-arme Diäten seien konkrete Therapieoptionen – abhängig von den einzelnen Patienten.

Bei der Behandlung des Post-Vac-Syndroms können neben der Spezialambulanz der Uniklinik Marburg und der Charité Berlin auch viele Anlaufstellen für Long-Covid-Patienten helfen. Noch gibt es keine Leitlinien zur Behandlung eines Post-Vac-Syndroms. Dafür sind aber vor allem weitere Studien wichtig, die nach der genauen Ursache suchen. Daraus könnten weitere Therapieansätze entstehen. Laut dem Paul-Ehrlich-Institut sind weitere Studien in Planung.

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