Bundeswehr und die NATO-Speerspitze: Schaffen wir das?

Analyse

Stand: 07.01.2023 03:57 Uhr

Die Bundeswehr ist seit dem russischen Angriff auf die Ukraine Dauerthema. Schon lange vor Kriegsbeginn war klar, dass Deutschland 2023 die schnelle NATO-Eingreiftruppe VJTF anführen würde. Für die Bundeswehr ein erheblicher Kraftakt.

Von Kai Küstner, ARD-Hauptstadtstudio

Ein ganzes Jahr lang bildet die Bundeswehr für die NATO nun also die Spitze der “Speerspitze”. Denn so wird die schnelle Eingreiftruppe des Bündnisses umgangssprachlich genannt. Bedeutet: Rund 8.000 deutsche Soldatinnen und Soldaten sitzen buchstäblich auf gepacktem Marschgepäck und stehen bereit, innerhalb von höchstens 72 Stunden an einen möglichen Krisenherd verlegt zu werden.

Kai Küstner ARD-Hauptstadtstudio

Für die Bundeswehr ist das Ehre und Verpflichtung, vor allem aber ein Kraftakt. Müssen die Deutschen doch in allen erdenklichen Bereichen Fähigkeiten stellen, vom Panzer über die Artillerie bis hin zum Hubschrauber, zur ABC-Abwehr und Sanitätern. Und das in einer Zeit, in der die Truppe wegen der Bedrohung durch Russland auch jenseits der Speerspitze von der NATO stärker in Anspruch genommen wird.

Was die Ausrüstung angeht, so ist das beschlossene 100-Milliarden-Paket noch zu jung, um wirklich einen Unterschied machen zu können. Es bedurfte also noch nicht einmal des Ausfalls von 18 “Puma”-Schützenpanzern, um die Probleme offenzulegen.

Einsatzbereitschaft nur “gelb”

Um dem Bundestag die Einsatzbereitschaft der Bundeswehr etwas anschaulicher zu machen, hat das Verteidigungsministerium sich für ein vertrauliches Papier an die Parlamentarier ein “Ampelsystem” einfallen lassen. In diesem Bericht von Mitte Dezember, der dem ARD-Hauptstadtstudio vorliegt, steht die Ampel für die NATO-Speerspitze lediglich auf “gelb”. Heißt im Klartext: Die Einsatzbereitschaft ist eingeschränkt. Was unter anderem an Mängeln bei der Kommunikationstechnik liegt.

Nur eingeschränkte Flugabwehr

Noch bedenklicher aber für die Eingreiftruppe ist ein weiterer Befund von Generalinspekteur Eberhard Zorn: Der nämlich weist in dem Papier auf die fehlenden Möglichkeiten hin, Drohnen, Flugzeuge und Hubschrauber zu bekämpfen, also auf ein Defizit bei der Flugabwehr: “Da diese nicht zeitgerecht zur Verfügung steht, kann der Schutz eigener Kräfte gegen die Bedrohung im bodennahen Raum nur sehr eingeschränkt im Rahmen der Fliegerabwehr aller Truppen gewährleistet werden”, schreibt Zorn auf Seite 20. Ein unmissverständlicher Hinweis darauf, in welch einen Spagat die NATO-Feuerwehreinheit die Bundeswehr zwingt.

Auch NATO-Chef sieht “Defizite”

Was folgt nun aber aus all dem? Dass den Deutschen, kurz bevor sie die Speerspitzen-Führung übernahmen, auch noch 18 geplante “Puma”-Schützenpanzer ausfielen, hat das Ansehen der Bundeswehr innerhalb der NATO sicher nicht gesteigert. Aber dadurch, dass die “Pumas” schnell durch “Marder” ersetzt werden konnten, ließ sich die Aufregung in Grenzen halten.

Dass Deutschland eine “hervorragende Führungsnation” sein werde, daran habe er keinen Zweifel, erklärte denn auch NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg zum Jahreswechsel. Die Bedenken in Brüssel sind wohl schon eher genereller Natur: Was die Ausrüstungsmängel bei der Bundeswehr angeht, befand Stoltenberg: Sicherlich gebe es “Lücken und Defizite”.

Spätestens 2025 nächster Kraftakt

Diese Lücken gilt es nun zu stopfen. Denn die Aufgaben, die auf Deutschland zukommen, werden nicht kleiner. So hat die Bundesregierung der NATO für das Jahr 2025 eine voll ausgestattete Division zugesagt. Gut möglich, dass den Kern dieser Truppe die nun für die Speerspitze abgestellten Soldaten bilden sollen. Ob das mit der Vollausstattung aber gelingt, ist aus heutiger Sicht alles andere als sicher. Das Speerspitzen-Jahr für die Bundeswehr ist also auch eine Art Test-Jahr, ein NATO-TÜV dafür, wo in Zukunft noch nachgebessert werden muss.     

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